Für Kältesplittersymphonie

Gefühlsgier

Wie schön, dass du mir ab und an einen Gedankenstrich schickst. Ich sollte irgendwie begreifen, dass manche Dinge nicht in der Menge anderer Dinge unachtsam untergehen dürfen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich darauf komme. Irgendetwas auf deinem Profil hat mich darauf gebracht, also hat es auch etwas mit dir zu tun. Aber die Verbindungen sind locker, sie sind nicht mechanisch und die Kette ist nicht eine Kausalkette von Ursache und Wirkung. Die Welt der Elektronik verbindet anders, schafft womöglich auch neu zu überdenkende Zusammenhänge, so dass man selbst den Begriff des Zusammenhangs neu überdenken sollte. Wenn die Romantik mit Kerzenschein verbunden wird, verkitscht sie völlig. Dabei haben die Romantiker etwas im Universum zu ergründen versucht, was eine magische Verbindung war. Kepler, Galilei und Newton brachten mit ihrer Astronomie das Universum in geordnete Bahnen; alles schien berechenbar und wohlsortiert zu sein. Das Universum wurde zur Mechanik der Himmelskörper. Doch die Kräfte der Gravitation, die Massenanziehung oder die Gezeiten auf der Erde oder der Magnetismus erfolgen, wenn sie auch mechanische Auswirkungen zeigen und mechanische Zusammenhänge nahe legen, eben nicht mechanisch. In diesem Spalt der energetischen Verbindungen findet die Romantik ihren Stoff, ihre Begründung und Motivation. Es sind keine Hebel, Gestänge, Wellen, Ketten, Seile, die die Kräfte übertragen. Schon der Beginn des 20. Jahrhunderts musste die Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorbringen. Anstatt, dass die Menschen davon verzaubert und ergriffen wurden, anstatt, dass sie die Elektrizität, den Magnetismus, die Radiowellen und radioaktiven Strahlen zum Anlass nahmen, um ihre Lebens- und politische Philosophie neu zu ordnen und über alles, vor allem aber über das Universum und Leben, neu nachzudenken, verirrten sie sich praktisch in der mechanistischen Moderne (Chaplin, Modern Times, der Mensch zwischen den Zahnrädern gefangen und zerquatscht mit einem Schraubenschlüssel in der Hand), die Maschinen fressen quasi ihre Erzeuger. Da schreibt im 18. Jahrhundert der Sohn eines Salinendirektors, selbst zum Bergbauingenieur ausgebildet, “Blütenstaubfragmente”? Er übermittelt dem Leser die Aufforderung, selbst zum Autor zu werden und sich zu den eigenen Texten und den Texten anderer so zu stellen, dass man sich lesend und schreibend durch ein Netzwerk bewegt. Wer das tut, erfüllt das Blütenstaub-Programm. „Fragmente wie diese sind literärische Sämereien“, schreibt Novalis, sie sind dem Leser in den Kopf gepflanzt, hier können sie in größeren Werken aufgehen, die die Leser selber schreiben, so erfüllen sie ihre geistig-evolutionäre Aufgabe. Nicht das Nachbeten von Gelesenem macht die geistige Fruchtbarkeit aus, sondern das fruchtbare Transzendieren. Wer weiß, was uns verbindet? Eine Seilschaft ist es nicht 🙂

Gefühlsgier

Einige Dinge enttäuschen mich maßlos. Ich finde keine Worte und frage mich, warum ich nicht aus der Käseglocke meiner Illusionen komme; dann frage ich mich aber sofort im nächsten Schritt: was wäre, wenn jemand die Glocke lüftete? Möchte ich den Verlust meiner Illusionsatmosphäre überhaupt haben? Oder wäre das womöglich so wie das Öffnen des Astronautenhelms im All?

Sowohl die falsche Hoffnung als auch die Enttäuschung, die man ja auch als eine Desillusionierung begreifen muss, spielen sich innerhalb des Astronautenhelms ab. Draußen ist wahrscheinlich nichts.

Oder lebe und atme ich unter einer Plastiktüte und wäre richtig befreit, wenn ich sie mir vom Kopf nähme? Wie kann man das herausbekommen, ohne einen größeren Schaden zu erleiden? Philosophisch geschult frage ich routiniert: woher die Gewissheit? Schier mit professioneller Langeweile kann ich zweifeln und skeptizieren. Ich denke, ich bin ein Denker, aber die Kritik erreicht meinen blinden Fleck nicht. Ich sehe deine Narben und denke: irgendetwas muss man ja tun, um Gewissheit zu erlangen. Vielleicht ist der Schmerz gewiss. Ich hatte immer einen Druck auf der Brust, einen Stein, ein Beschwernis. Ich könnte höchst spekulative und an Freud geschulte Interpretationen liefern, um mich bei Analytikern der Lächerlichkeit preis zu geben, denen Freud längst überholt ist. Aber was soll’s? Wozu sollte das gut sein? Erst seit etwa drei Jahren, drei magischen Jahren, fühle ich mich frei von der Last. Sie ist weg, ich könnte frei atmen und manchmal, wenn ich meine Tüten-Astronautenhelm-Theorie vergesse, tue ich das auch. Kurz ist alles gut, perfekt, bestens, unschlagbar. Dann wieder das Schweben durch das All. Ich könnte die Schwerelosigkeit genießen, weiß aber um das Losgelöste, das zu Muskelschwund führt. Ich bin ein Schatten meiner Selbst und verfolge mich und versuche über mich zu springen. Warum habe ich nicht die Illusion eines sicheren Halts im Leben? Warum weiß ich mich von Illusionen, Lügen, Konstrukten der Hilflosigkeit, von Gemeinheit und Niedertracht, Unzulänglichkeit und Lieblosigkeit umzingelt? Natürlich verfolgt mich keiner. Dazu bin ich unter meiner Tüte bzw. meinem Helm zu bedeutungslos. Und selbst da bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Bedeutungslosgkeit gerne gegen etwas anderes eintauschen würde – z.B. gegen Prominenz. Mir genügen kruze Hochgefühle, dort oben im Reich der Ideen und Ideale ist mir die Luft zu dünn. Im finsteren Tal des Selbstzweifels wandle ich blind über Stock und Stein. Vielleicht sollte ich mal wieder aus dem Bewusstseinsstrom trinken und vielleicht würde mir jemand liebevoll besorgt zurufen: «Pass auf, Uri, fall nicht herein!» Und ich würde eine beruhigende Geste machen, fast das Gleichgewicht verlierend. Ich kann doch schwimmen. Aber hier gibt es Strudel. Und auf dem Grabstein eines leeren Grabes, weil man meine Leiche nicht fände, stünde: Er ist im Fluss seiner Gedanken ertrunken – eines Tages tauchte er nicht mehr auf. Ob jemand diese Inschrift lesen würde?

Ich würde sie lesen. Gefühlsgier

Das ist wirklich lieb. Siehst du jetzt habe ich Pippi in den Augen 😥

nicht weinen, weiß dann nämlich nie, was ich machen soll. Gefühlsgier

Gute Musik, emotionale Dialoge, herzzerreißende Momente – ein Romantiker hat schon beim Anblick des heutigen Vollmonds Tränen in den Augen. Aber das ist nicht geweint, sondern nur gerührt 😉

Gefühlsgier

Heute stand der Tag unter einem seltsamen emotionalen Sturmzeichen. Entspannt sieht anders aus. Mich ärgerte schon um 10.30 Uhr ein kleines Phänomen im Büro, mit dem ich konfrontiert wurde. Gleich darauf eine halbe Stunde später einer meiner besten Freunde, der immer anklopft und wartet, bis ich aufstehe, den 10m langen Flur zur Tür gehe und ihm die Tür öffne, die aber meistens nicht abgeschlossen ist. Er könnte anklopfen und eintreten und fertig. Ich habe schier hysterisch “herein” gebrüllt.

Was wühlte mich nur auf? Und warum schreibe ich dir das? Hat das überhaupt eine persönliche Note? Womöglich schon: ich sah unter deinem Profilbild dein Stimmungssymbol, was mich nicht gleichgültig lässt, obwohl ich dich persönlich überhaupt nicht kenne. “Gefühlsgier” und @kaelteplittersymphonie sind aber auch emotional sehr starke Begriffe. Das trifft meine poetisch-romantische Ader ebenso wie die Gesamtstimmung auf deinem Profil.

Und ich weiß, dass dieser Gedankenstrich, der schon seine 10 Tage auf dem Buckel hat, nicht mit einer verschickten @-Frage verwechselt werden sollte. Ich bin aufgerufen, aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht, wozu aber eben auch gehört, dass ich mich im Moment frage, welche unsichtbaren Bande zwischen Menschen Verbindungen herstellen können.

Gestern habe ich mich mit einem Artikel über “Zukunft” und über den absoluten und relativen Zeitbegriff beschäftigt. Ich hatte unlängst auf eine Frage, was mir die Zukunft bringen werde, geantwortet, die Zukunft könne mir gar nichts bringen, sie sei kein Subjekt. Ein Postbote beispielsweise bringt Post; er existiert und es ist sehr sinnvoll zu fragen, ob und was er mir morgen bringen wird. Selbst beim Weihnachtsmann macht die Frage Sinn, obwohl er nicht existiert; aber er symbolisiert eine gewisse Tradition, er steht für die Geschenke, die man erhält, und ist als solches Symbol auch existent. Die Zukunft aber ist eine gedankliche und modellhafte Fiktion, die eine modellhafte, fiktive Verlängerung der Zeitachse von heute auf morgen und übermorgen usw. symbolisiert. Während die Menschen, die einem zu Weihnachten etwas schenken heute schon existieren und ihr Schenkungsverhalten vom Weihnachtsmann symbolisiert wird, steht der Begriff der Zukunft genaugenommen für nichts. Denn die Zeit könnte heute schon aufhören zu existieren, dann gäbe es auch keine Verlängerung ihrer Achse zu morgen und übermorgen.

Heute beschäftigt mich der Artikel noch immer. Den Punkt mit der Krümmung der Zeitachse im Raum verstehe ich ehrlich gesagt in meiner ontologischen Beschränktheit nicht. Dafür habe ich das Gefühl, dass unsichtbare Bande durch Worte Raum und Zeit überwinden und Menschen verbinden können. Das kann, muss aber nichts Positives sein. Ich fand heute uralte Urlaubsfotos und die Gespräche von damals waren plötzlich wieder da: lebendig und nah. Irgendetwas in mir hat sich gekrümmt im Archiv, das im Grunde kein richtiges Archiv ist, sondern ein Lager. Und ich? Zerrissen, gekrümmt, im Wurmloch.

«Was würdest du für einen guten Zweck tun?

Ich würde mit einer Flasche Hochprozentigem irgendwo hinreisen wo es im Winter extrem kalt wird und dann so weit in den Wald laufen, dass mich niemand finden, die ganze Flasche inhalieren und dann einschlafen. “Einschlafen”.»

Gefühlsgier

http://ask.fm/kaeltesplittersymphonie/answers/138633054322 Schick mir doch lieber für einen guten Zweck einen Gedankenstrich, damit mein Vorrat an Gedankenstrichen von dir nicht kleiner, zu klein und am Ende gar alle wird. Der Schmerz gehört zum Leben wie all die anderen Dinge auch, vielleicht fügen wir jenen Menschen, die wir lieben und mit denen wir befreundet sind, deswegen auch Schmerzen zu. Manchmal schmerzt schon allein die Liebe, oft die Sehnsucht, aber Distanz gehört zur Nähe wie Schmerz zur Leidenschaft. Ich möchte nicht durchs Leben gehen mit einer Münze, die nur auf der einen Seite geprägt ist, nur Rosen zeigt und sonst nichts. Gehört nicht zu jedem Sonnenuntergang auch ein Sonnenaufgang bis ans Ende aller Tage. Dann natürlich ändert sich alles, bis dann aber ändert sich vieles und nichts bleibt, wie es ist. So können wir nicht zweimal in denselben Fluss steigen, wir sind auch selbst vorher und nachher nicht dieselben. Und womöglich treiben wir voneinander weg, strecken im Nebel noch einmal die Hände nacheinander aus, als wäre dies kein Abschied für immer. Ich genieße das Feuer am Abend, es wird kühl und ich werde wahrscheinlich bald frieren in kurzer Turnhose und verschwitztem T-Shirt. Die Leiter, von der ich herabstieg, ziert noch immer die Hütte, ein plötzliches Knacken im Feuer erschreckt mich und ich erinnere mich an meine etwas weichen Knie, als die Füße wieder festen Boden unter sich haben. Knappe 3m können viel sein bei Höhenangst. Es war nicht das Leben an sich, woran manch ein Romantiker litt, nicht das Mysterium des Ein- und Ausatmens, des Stoffwechsels und des Schmerzes, der Begierde und der Abweisung, des Abgewiesenseins und der Suche nach Freundschaft, wissend, dass wir einsam sind und bleiben müssen; sie hätten all das genießen und verkraften können, wenn ihnen andere nicht ein besonderes Leben bereitet hätten, wohlgeordnet, fest verschnürt und gebahnt und gebündelt, zweckgerichtet und nützlich und nach Nützlichkeit und Nutzen strebend. „Philister“ nannten die Romantiker diese Leute und sie waren in der Überzahl, sie waren übermächtig und unerschütterlich, so frei von Schmerz und Sehnsucht und ihrer Sache immer so wahnsinnig sicher. Das ist schlimmer als irgendein Schmerz, wenn du dich von diesen „Philistern“ umzingelt siehst, ihre Heuchelei, Gedankenlosigkeit, Wut und Ordnungsliebe über dich gekübelt bekommst wie einen Jaucheeimer, ohne dass du den Geruch wieder loswerden kannst, egal, wie intensiv und oft du dich wäschst. Während das Feuer knackt, frage ich mich, wie man dem Irrsinn dieses Zwangs, in den die „Philister“ uns stecken, entrinnen kann und ob das überhaupt möglich ist oder ob wir kläglich in uns verbrennend zu Asche werden und eingehen oder als Rauch in den Himmel auffliegen müssen, um zu vergehen, nicht um aufzusteigen. Vielleicht aber hilft es, wenn wir dem Irrsinn der Vernunft, den Irrsinn des Irrsinns entgegenhalten und ganz vernünftig wie wir sind und nicht wie die „Philister” uns verrückt stellen.

Gefühlsgier

Die Romantik gilt als ein zwischneidiges Schwert: ihr Intuitionalismus, ihr Vertrauen in die Gefühle und in das Schwelgen darin, in Ahnungen und Vorahnungen, in schwer begründbare Dinge, die ebensogut vorhanden wie eingebildet sein können, erschien den Rationalisten als unvernünftig. Die Romantik schien in ihren Augen einen Hang zum Irrationalismus zu haben und der Irrationalismus ist natürlich dem Wahnsinn nahe. Die Dinge verlieren ihre klare Konturiertheit, werden größer, kleiner, sind verzerrt, entstellt, kaum wieder zu erkennen, monströs wie das eigene Gesicht vor den Spiegeln eines Spiegelkabinetts auf dem Jahrmarkt. Verzerrte Optik, verdrehte Sichtweise, eingebildete Ursachen, phantastische Verknüpfungen im Hirn, die das Unlogische logisch erscheinen lassen. Traum und Wirklichkeit verschwimmen ineinander, man gerät in einen ideologischen Schwebe- und Rauschzustand. So kann man keine Maschinen bedienen, so kann man kein Auto fahren – so kann man eigentlich nichts, was Feinmotorik, schnelle Auffassungsgabe und Reaktion verlangt.

Der Rausch rückt in den Lebensmittelpunkt.

Ein Mensch, der Fahrt aufgenommen hat, um sein Leben gegen die Wand zu fahren, kann dies als ein Glücksfall empfinden. Zu bedenken ist nur, dass das Leben einmalig ist, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde des Lebens sind einzigartig und einmalig und nichts von dem Verflossenen kehrt wieder; und dennoch wäre es völlig falsch, an einer permanenten Lebensoptimierung zu arbeiten und sich ohne Unterlass zu fragen, ob die Zeit des Lebens auch am besten genutzt wurde. Dieser Druck allein würde einem die Lebenssuppe gehörig versalzen. Aber andererseits birgt die radikale Selbstzerstörung die unleugbare Gefahr in sich, das Leben gehörig zu verschwenden und die Chancen, die man hat, zu verspielen.

Rumi, der Philosoph der Derwische, unterscheidet zwischen dem niederen und dem höheren Rausch. Alkohol und andere Drogen ziehen den Menschen hinab ins Grab, zerstören sein Nervensystem und sein Wahrnehmungsvermögen. Die Sinne werden nicht erweitert, sie werden verzerrt und zerstört. Eine Lebensphilosophie, die doch die Philosophie des Lebens und nicht des Sterbens sein soll, wenn sie ihrem Namen gerecht werden will, kann den niederen Rausch nicht gut heißen – nicht in seiner Destruktivität. Aber soll man dem die Abstinenz gegenüberstellen? Sicher nicht.

Der höhere Rausch ist meiner Meinung nach mit Antonin Artauds Suche nach dem Leben hinter den Zeichen und Symbolen im „Theater der Grausamkeit“ verwandt – mit dem dionysischen Theater, des Gottes der rauschhaften Feste. Man muss hinter dem Ganzkörperkondom der Sprache und des Denkens das Leben berühren. Novalis sagt: «69. Im höchsten Schmerz tritt zuweilen eine Paralysis der Empfindsamkeit ein. Die Seele zersetzt sich. Daher der tödliche Frost, die freie Denkkraft, der schmetternde unaufhörliche Witz dieser Art von Verzweiflung. Keine Neigung ist mehr vorhanden; der Mensch steht wie eine verderbliche Macht allein.»

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