Ein Philosoph im Theater…

Ein Fall für die Komödie?

Im Zusammenhang mit dem SOKRATES-Roman habe ich ja schon am 19. Januar diesen Jahres den Begriff des „Hölderlin-Komplexes“ in die Waagschale geworfen. Und nun, da der April schon fast zu Ende geht und für die letzte April-Woche die Wettervorhersage kalte Tage ankündigt, schaue ich auf einen sonnigen Garten bei wechselhaftem Wetter mit Schauern. Es zieht mich wieder hinaus aus der Laube, obwohl ich weiß, dass ich heute in der Kälte nicht denken und schreiben mag. Das Thinkpad würde in der Laube bleiben.

Dabei ist mir heute durchaus auch nach einer kernigen Frage zumute, der ich wahrscheinlich nicht gewachsen sein werde, obwohl ich natürlich auf die Idee des Hölderlin-Komplexes zurückgreifen könnte. Es wäre die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft; Gesellschaft und Kunst! In vielfacher Weise stellt sie sich immer wieder und in letzter Zeit durchaus auch heftig, aber in keinster Weise habe ich befriedigende Antworten darauf!

Ein klarer Gedanke zu diesem Themenkomplex wird sich nicht finden lassen, ein Geschichtenkonglomerat in dem Fortsetzungsroman SOKRATES schon! Die 197. Folge habe ich mit den Worten: „«Zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge», sagt ein Freund immer mal wieder und liest dann doch ziemlich genau mit, was mich manchmal überrascht. Er wird im Roman verschwinden und wieder auftauchen. Jetzt aber Folge 197 des SOKRATES“ eingeleitet.

Wie sehr kann ich den Mangel an Feingefühl meiner Arbeit gegenüber ertragen? Und muss ich auf diesen Mangel und auf die Ignoranz aus Unwissenheit und Dogmatik reagieren? Wechselhaft wie das Aprilwetter ist auch das Licht, in dem ich den Roman und die Reaktionen darauf sehe. Muss ich nun anfangen, die Interpretationen zu meinem eigenen literarischen Werk zu liefern?

Sokrates der große Fragensteller bekommt einen Prozess an den Hals, weil er eben ein großer Fragensteller ist; ihm werden Gotteslästerung und Verführung der Jugend vorgeworfen und er wird zum Tode verurteilt; er verlässt aber seine Heimat Athen, seine Polis, nicht, weil er sagt, dass Unrecht leiden besser sei als Unrecht zu tun.

Hinter der sokratischen Haltung steckt eine besondere Weisheit der Gemeinschaft bzw. der Gesellschaft gegenüber: eine Polis ist eine Gesellschaft, die wohlgeordnet ist, die in ihren Regeln, Gesetzen und Kultur als stimmig empfunden werden kann. Man muss gegen diese Gesellschaftsordnung nicht rebellieren, keinen zivilen Ungehorsam leisten, sondern kann prinzipiell mit ihr einverstanden sein. Und wenn dieses prinzipielle Einverständnis vorhanden ist, kann man und muss man auch, einzelne Fehler der Polis ertragen und auf sich nehmen. So mag Sokrates zu Unrecht verurteilt sein und seine Ankläger mögen ihn zu Unrecht angeklagt haben, aber die Grundfesten der Polis sind davon unberührt, wenn der Prozess rechtens ist und fair verläuft. Ansonsten müsste gelten: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Dieses prinzipielle Unrecht sieht Sokrates in seinem Fall nicht, auch wenn er individuell in diesem einen Einzelfall zu Unrecht verurteilt wird. Jedes System darf Fehler machen, ohne dass man deswegen das System insgesamt und prinzipiell in Frage stellt. Aus diesem Grund will Sokrates keine Flucht, durch die er sich der Bestrafung entziehen könnte. Wenn ein Individuum das Urteil seiner Polis nicht erträgt, nur weil es mal fehlerhaft ausfällt, dann kann er Schaden an seiner Seele nehmen, wenn er sich diesem Urteil zu entziehen versucht: das wäre Unrecht.

Soweit die sokratische Argumentation im Verhältnis Individuum und Gesellschaft. Wie gerecht kann aber eine Polis eingerichtet sein, in der Menschen zu Unrecht angeklagt und verurteilt werden können? Wenn ich an Franz Kafkas Aphorismus denke, wäre die Toleranz gegenüber Fehlurteilen gleich Null: „32 Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeuten eben: Unmöglichkeit von Krähen.“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-aphorismen-166/1)

Der Fortsetzungsroman auf ask.fm einem Fragenplattform bekommt als Titel den Namen dieses großen Philosophen. Zugleich spiele ich auch auf den „Prozess“ von Franz Kafka an und verstehe meinen Roman auch als eine Hommage an ihn. Und sein großes Thema: die Unfähigkeit zu heiraten, eine feste, gesellschaftlich sanktionierte Bindung einzugehen in einer überverwalteten Welt. Und das große Thema an sich: was macht diese Gesellschaft mit ihren Künstlern und Literaten? Zugleich ist das auch das Thema der Romantik und insbesondere das des Hölderlin. Aber wir finden natürlich auch das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft auch bei Thomas Mann, z.B. in „Der Tod in Venedig“; wer nicht die ganz dicken Schinken lesen mag, kann in dieser Novelle konzentriert sich mit dem interessanten Thema auseinandersetzen.

Was aber bedeuten nun asketische Ideale, wenn man um ein Verhältnis mit der Gesellschaft ringt? Ist die Ehe der Eintritt in die Normalität? Die Aufnahme in die „bürgerliche Mitte“? Damit also auch in einen Zustand, der von einem Philosophen nicht gewollt sein kann, da die Polis und er grundsätzlich im Kampf miteinander stehen? Nur Sokrates, wie oben behauptet, hat ein grundsätzliches Einverständnis mit seiner Polis und daher ist es auch nur konsequent, wenn er ein verheirateter Philosoph ist.

Das Verheiratetsein wird auch von Nietzsche im Zusammenhang mit Philosophie und insbesondere mit Sokrates angesprochen, als es ihm in „Zur Genealogie der Moral“ um die asketischen Ideale geht. Wie bei Thomas Mann, so auch bei Nietzsche geht es aber nicht allein um das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft, sondern auch um das Verhältnis zwischen Kunst und Künstler, der in einem sozial massiv auf ihn einwirkenden Kontext lebt und wirkt. Dabei wird die Frage der Lebenseinstellung auch zu einer ästhetischen Frage. So geht es auch um das Verhältnis Leben-Kunst. Leben und Ästhetik, Ästhetik und Leben lassen sich gar nicht voneinander trennen.

Nur wer in spießig geordneten und völlig unhinterfragten sozialen und vitalen Strukturen funktioniert und nur wem sein Leben eine selbstverständlich geordnete Bahn darstellt, kann auch auf dem kapitalistischen Kulturmarkt kommerziellen Kitsch produzieren und loswerden. Sokrates’ ethische Haltung der Gesellschaft gegenüber ist nicht unreflektiert, vielmehr ist er mit seiner Polis einverstanden. Darin ist er konsequent konservativ.

Ein kommunistischer Schriftsteller in der heutigen Zeit kann nicht konservativ sein, weil er die Gesellschaft und ihre Ordnung unmöglich bewahren wollen kann. Die kapitalistisch-imperialistische Ordnung muss überwunden und das Eigentum mit dem dazugehörigen Überbau abgeschafft werden. Ein Individuum kann das nicht bewerkstelligen. Aber es muss seine Haltung dazu mit sich klären und seine Position im Leben dieser Gesellschaft finden. Das ist eine große Lebenskunst.

Sowohl Kitsch als auch „Anspruch auf Anspruch“, also pretentiöse Kunst, die mit Botschaftlastigkeit und der großartigen Geste daher kommt: „Seht her, ich habe mir große Gedanken gemacht, als ich dieses Kunstwerk schuf“ sind ästhetisch minderbemittelte Problemfälle der Kunst.

Nur wo Kunst spielerisch frei ihre Eigendynamik entfalten kann, entwickelt sie ästhetische Qualität. Und der Begriff der „spielerisch freien Eigendynamik“ steht keinesfalls im luftleeren Raum, sondern leitet sich vom Wittgensteinschen Spiel- und Regelbegriff ab.

Welcher große Philosoph war bisher verheiratet? Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer – sie waren es nicht; mehr noch, man kann sie sich nicht einmal denken als verheiratet. Ein verheirateter Philosoph gehört i n die Komödie, das ist mein Satz: und jene Ausnahme Sokrates, der boshafte Sokrates hat sich, scheint es, ironice verheiratet, eigens um gerade diesen Satz zu demonstrieren. (Friedrich Nietzsche)

Man läuft schnell Gefahr, sich in dümmlichen Verallgemeinerungen zu verlieren, wenn man sich die Frage stellt: was hat es mit dem Verheiratetsein und der Philosophie auf sich? Worin könnte der Konflikt bestehen? der Widerspruch? Es wird recht schnell zum Jonglieren mit Klischees. Beispielsweise kümmert man sich bei der Fragestellung kaum um den Gedanken, ob die Ehe einer Philosophin für ihre Philosophie dasselbe bedeutet wie für einen Philosophen? Sind auf der einen Seite Triebstrukturen (um diese muss es sich doch wohl handeln, wenn es um „asketische Ideale“ geht) und auf der anderen Seite Erkenntnisstrukturen geschlechtsunabhängig? Ist es dasselbe, wenn Männer oder Frauen philosophieren? Wenn Nietzsche über die Sinnlichkeit nachdenkt, darüber ob und wie sie der Erkenntnis förderlich oder hinderlich sein könnte, dann ist „Sinnlichkeit“ aus der Perspektive des Mannes gedacht und steht im Kontext seines Begehrens.

Die Frau als Philosophin kommt im Gedankenexperiment gar nicht vor. Aber das Labor dieses Experimentes ist nicht geschlechtsneutral. Zwei Impulse tauchen auf: der erste Impuls will neutralisieren, gleichmachen und in der hergestellten Gleichheit die Gerechtigkeit verankern. Wenn alle Menschen gleich sind, sind auch Frauen und Männer gleich und Erkenntnis existiert unabhängig von Geschlecht und sozialem Stand und kann von allen Menschen auf die gleiche Weise erlangt werden. Und um diese Gerechtigkeit herzustellen, werden offensichtliche Unterschiede als oberflächlich und akzidentell angesehen und durch eine Argumentation, die sich auf das Gemeinsame konzentriert, Stück für Stück durch Gleichmachung eliminiert.

Man könnte natürlich auch statt Gleichheit Gleichberechtigung betrachten und auf die Gleichberechtigung zustreben. Männer und Frauen mögen unterschiedlich sein und auch ihre Unterschiede kultivieren. Bei aller Unterschiedlichkeit aber haben sie davon völlig unberührt die gleichen Rechte. Eine Frau hat ebenso dieselben Rechte, Philosophieprofessorin zu werden wie ein Mann, mag ihre Philosophie noch so unterschiedlich und ihre Gedankenwelt gänzlich anders strukturiert sein als die eines Mannes. Und die gleichen Rechte schließen die Chancengleichheit und das Recht darauf ebenso ein.

Der zweite Impuls geht von Ludwig Wittgenstein aus: Wir müssen nicht in Abstraktionen Unterschiede verwischen und aus der Vogelperspektive nur noch Parzellen analysieren, wir müssen vielmehr Unterschiede sehen lernen. Das stärkt unser analytisches Vermögen. Erst wenn wir Unterschiede sehen lernen, ohne sie einzuebnen, können wir auch Gemeinsamkeiten besser einschätzen. Unterschiede zu benennen und hervorzuheben soll aber in analytischer Absicht geschehen und nicht in diskriminierender und entrechtender! Und gesetzt den Fall, Frauen wollten dichtend, tanzend, malend und singend philosophieren und nicht in tradierter Begrifflichkeit, hätte niemand die Definitionsmacht zu sagen: Das ist keine Philosophie! Die Tätigen entscheiden selbst, wie sie ihre Tätigkeit begreifen möchten.

Hier tut sich die universitäre Philosophie schwer, sie nennt ihren Fußnotenfetischismus und ihre Editionskunst alter Autoritäten Philosophie und lässt daneben kaum etwas anderes mehr zu. Der Duktus ist der unterkühlter Rationalität, worunter Zweifel, Ängste, Anerkennungsdruck, Ehrgeiz, Orientierungslosigkeit, Schreibblockaden brodeln und ein freies Philosophieren verunmöglichen. Und nach wie vor ist die Philosophie eine Männerdomäne. Wenn Frauen es hier zu etwas bringen wollen, müssen sie denselben Duktus und Habitus an den Tag legen wie es die Männerriege der Philosophen verlangt und dabei deutlich noch leistungsbetonter sein als ihre männlichen Kollegen. Vielleicht mag es hier und da auch andere Mittel und Wege für Philosophinnen bis zur Promotion geben. Aber sie erschöpfen sich mit dem Erwerb des Doktortitels.

Universitäre Philosophie ist im Wesentlichen Philosophiegeschichte und Editionswissenschaft. Als Administration des Wissens hat sie die Liebe zur Weisheit erdrosselt und bringt keine Autorinnen und Autoren hervor, die Perspektiven sehen oder entwickeln könnten. Auch einen Blick auf gesellschaftliche und politische Praxis vermag sie nicht zu richten; sie ist in einer bedeutungsvollen Geste mumifiziert.

Doch Philosophen wie Nietzsche oder Wittgenstein waren von dieser Geste weit entfernt. Beide wollten auch nicht die Geschichte ihres Faches erzählen, sondern hatten ein lebendiges Anliegen, das sie leidenschaftlich mit ihren Mitteln verfolgten. Sie genau darin sich zum Vorbild zu nehmen, macht einen philosophierenden Autor heute sicherlich zum Außenseiter. Ein Außenseiterdasein bürgt keinesfalls für Qualität oder gar Genialität und ist doch eine Rolle, die mir gefällt, wenngleich ich sagen muss, dass ich mein Anliegen lange gesucht und nicht gefunden habe.

Was in mir wollte zur Kunst? -um einmal Nietzsches Frage abzuwandeln, was in uns denn zur Wahrheit wolle. Die Suche nach dem Band, was die Welt im Innersten zusammenhält? Ich stellte mir die Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Wahrheit?  Oder stellte sich die Frage mir? Es war für mich jedenfalls mehr als nur ein theoretisches Problem.

Obwohl ich mich seit meinem 15. Lebensjahr zur Schriftstellerei und Philosophie hingezogen fühle und mich damit beschäftige und nie einen anderen Berufswunsch hegte als Schriftsteller zu werden, konnte ich nie zielbewusst und konsequent auf mein Ziel zusteuern und meinen Wunsch realisieren. Wenn ich einmal dem Irrtum erliegen darf, dass es eine vom Subjekt unabhängige Objektivität gibt, dann würde ich sagen: es gab keine objektiven Gründe, die gegen die Verwirklichung meines Wunsches und Zieles sprachen oder entgegenwirkten. Niemand hinderte mich daran, den Weg einzuschlagen, den ich einschlagen wollte. Nicht einmal eines Anliegens hätte es bedurft, um „Schriftsteller zu werden“, einen Roman nach dem anderen zu schreiben. Und dennoch hielt mich etwas in mir und um mich davon ab.

Heute würde ich es den Willen zur Revolution nennen. Denn hinter den Fassaden der Normalität tobt ein bestialischer Kampf der Ausbeutung, Versklavung und Ermordung von Menschen. Wenn es genügend weit weg ist, scheint das in unserer Gesellschaft niemanden zu stören. Die geographische Distanz wird zur moralischen: Was kann ich schon dafür, wenn für meinen Einkauf andere Menschen in anderen Ländern bluten und sterben müssen? Andererseits verbirgt auch die Normalität der Revolution Mörderisches, dem ich nicht auf den Leim gehen will. Und zugleich gilt es, nicht zu erlahmen.

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