Von der “Zerfahrenheit” zur Romantik der Intermedialität

Eine bange Frage schwirrt in meinem Kopf herum, ist plötzlich aufgetaucht wie eine lästige Fliege. Woher kommt sie? Wie hat sie bloß in meinen Kopf gefunden? Und wie kann ich sie nur erwischen? Welches Manuskript werde ich zusammengerollt als eine Fliegenklatsche benutzen?

Bahnt sich womöglich ein Paradigmenwechsel in meinem Kopf an? -Einer, den ich 1. nicht bewusst steuern kann und der 2. nicht die Radikalität des Bruchs mit dem vergangenen Paradigma hat? Vielleicht habe ich einfach zu viel Kuhn gelesen, zu viel von den Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen als eine liebe Metapher in mein Schreiben projiziert. Schreiben – ein linearer Prozess. Ich ein chaotisches Subjekt!

Ach, ich sollte nicht übertreiben! Ich – also ein Subjekt, das etwas durcheinander ist, es schwer hat mit der Ordnung der Dinge und Ordnung der Gedanken, mit der Unterordnung in von ihm abverlangte Disziplin, um ein Ziel zu erreichen, ein Ziel der gesellschaftlichen Anerkennung, der Diplomierung und damit der offiziellen Genehmigung, Dinge zu tun, die einem Philosophen zustehen. Einem Baccalaureus, einem Magister oder Doktor gar.

Die Logik ist eine einfache: wer staatlich geprüft und genehmigt das Recht zur Rede hat, darf, ja muss ernst genommen werden. Das Publikum schaut nicht, was jemand spricht, sondern WER spricht? Hat er die offizielle Genehmigung dazu, hat er auch mit geprüfter Sicherheit die Befähigung.

Aber war es nicht gerade ein Kind und nicht einer aus dem affektierten Hofstaat, der an des Kaisers neuen Kleidern feststellte, dass der Kaiser nackt sei? Mein Mißtrauen dem Hofstaat gegenüber wuchs und wuchs und nahm methodische Züge an. Die Studienordnungen, die standardisierten Referate, die glorifizierten Fußnoten, all das Blendwerk der Wissenschaftlichkeit – wiesen sie nicht alle in Richtung eines Scheinstudiums? Und dann all die schnell aus dem Hut gezauberten Updates der alten Geisteswissenschaften: Kultur-, Medien-, Management – in zwei bis drei Jahren zum fertigen Beruf, endlich die Antwort zu der Frage: «Germanistik und Philosophie auf Magister? Was willst du mal damit machen?» «Ich will es mir mal als Hut aufsetzen mit einer Pfauenfeder obendrauf!»

Fieser konnte eine Gesellschaft ihre Intellektfeindlichkeit, ihre radikale Abneigung gegen kritisches Denken und gegen Nachwuchsdenker nicht zum Ausdruck bringen. Denker sind nicht beliebt: im Kaiserreich nicht, im tausendjährigen Reich nicht und in der Bundesrepublik auch nicht! Sofort hat man einen Dutschke im Kopf, den man nur mit dem Schuss in den Kopf eines Bild-Zeitung-Lesers stoppen konnte, einen linken Krawallmacher, der nicht ordentlich studierte, sondern die Universität als ein Erholungs- und Ausbildungszentrum für Umstürzler und Unruhestifter betrachtete.

Ein ordentliches Studium, ja, das würde zu einem Beruf führen, zu einem Kulturmanager, zu Lohn und Brot mit Hilfe einer strikt einzuhaltenden Studienordnung mit Creditpoints. Nur so gehört man zum Hofstaat, der das Bestehende für gut und rechtens zu erkennen vermag! Alles andere ist pure Anarchie. Und ich konnte miterleben, wie all jene Professoren allmählich verstummten, die ihre Studentinnen und Studenten zum Forschen, Grübeln, Hinterfragen animierten und ihnen Zeit gewährten – Zeit?! Müßiggang, das weiß doch jeder, ist aller Laster anfang; die Geburtsstunde der Dutschkes, die in der Badewanne durch einen epileptischen Anfall ertränkt gehören, wenn der Schuss in den Kopf, in diesen wirren schon nicht gereicht hat!

Freie Fahrt für freie Liberale, statt für freie Radikale! Nur so lassen sich Millionen und Millarden scheffeln. Und hinfort mit den wirren Subjekten, die sich an keine Studienordnung klammern wollen und statt dessen sich in die Labyrinthe ganz wirrer Gedankengänge begeben.

Und was passiert mit mir? Schon auf dem Gymnasium auf den deutschen Idealismus getrimmt und mit protestantisch anmutender Moral und mit Verantwortungsbewusstsein für “die” Gesellschaft ausgestattet in die Welt entlassen, landete ich, weil ich für bare Münze hielt, wovon sich jeder Humboldtianer zum Berufserwerb rechtzeitig zu trennen verstand, Studiengangwechsel mit Anerkennung der Scheine von Magister auf Staatsexamen und ab ins Referendariat, in der Zerfahrenheit. Ich irre durch die Gänge eines Labyrinths, das sich permanent verschiebt.

Die lineare, dramaturgisch in sich abgeschlossene Erzählweise, die einen Anfang und ein Ende kennt, in der einzelne Geschichten stehen, funktionierte nicht – nicht für das ins Chaos entlassene Subjekt. Irrend und verirrt.

Mit der technischen Möglichkeit des Hypertextes entdeckte ich die Möglichkeit des Hypertextromans und nannte sie «Zerfahrenheit». Und als ich über die Poetik und Ästhetik dessen nachdachte, stieß ich auf – kann doch nicht wahr sein! – stieß ich auf Schopenhauer! Ein Wille, der mich leitet, der nicht meiner und doch mir zueigen ist!

«Ein System von Gedanken muß allemal einen architektonischen Zusammenhang haben, d. h. einen solchen, in welchem immer ein Theil den andern trägt, nicht aber dieser auch jenen, der Grundstein endlich alle, ohne von ihnen getragen zu werden, der Gipfel getragen wird, ohne zu tragen. Hingegen ein einziger Gedanke muß, so umfassend er auch seyn mag, die vollkommenste Einheit bewahren. Läßt er dennoch, zum Behuf seiner Mittheilung, sich in Theile zerlegen; so muß doch wieder der Zusammenhang dieser Theile ein organischer, d. h. ein solcher seyn, wo jeder Theil ebenso sehr das Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten wird, keiner der erste und keiner der letzte ist, der ganze Gedanke durch jeden Theil an Deutlichkeit gewinnt und auch der kleinste Theil nicht völlig verstanden werden kann, ohne daß schon das Ganze vorher verstanden sei. – Ein Buch muß inzwischen eine erste und eine letzte Zeile haben und wird insofern einem Organismus allemal sehr unähnlich bleiben, so sehr diesem ähnlich auch immer sein Inhalt seyn mag: folglich werden Form und Stoff hier im Widerspruch stehen.»
[http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-als-wille-und-vorstellung-band-i-7134/2]

Eine Monadologie des Rhizoms?

Was in mir wollte zur Wahrheit? Verlor ich an die Romantik meinen Verstand? Doch die Poetik des Hypertextromans birgt sehr viel, ja vielleicht sogar zu viel Chaos in sich, um einen tanzenden Stern zu gebären. Und nun steh ich da, ich armer Tor, und es reicht nicht einmal zum Armleuchter 😦

Denn man weiß nicht, an welchem Strang man zuerst schreiben und an welchem man weiterschreiben und welchen man zu Ende schreiben und ihn mit anderen verknüpfen soll. Welchen Erzählfaden soll man an welchen Rhizomknotenpunkt anknüpfen? Es kann produktiv sein, wenn die innere Dynamik des Labyrinths akzeptiert und die innere Dynamik der Produktion zum Treiben im Fluss der Dinge wird. Diese Dinge können aber auch so unglücklich aufeinander prallen, dass die poetische Vernunft den Produktionsfaden verliert, das Ruder ihr aus der Hand gleitet und man gar nicht mehr weiß, an welcher Teilgeschichte man weiterarbeiten soll.

Dieses Problem brachte die «Zerfahrenheit» zum Erlahmen. Nach dem «Auftrag» und «Brachland» entstand kein weiterer Knotenpunkt mehr. Chronologisch bildete zwar der Labyrinth-Roman den Anfang; da aber ein Rhizom nicht linear ist, steht der Labyrinth-Roman auch nicht am Anfang der «Zerfahrenheit», die wie ein Rhizom gar keinen Anfang hat.

Was sich nun einschleicht und die Dinge in einen ruhigen geraden Flusslauf bringt, ist die Linearität eines Fortsetzungsromans, der bei allen Wirren allmählich die «Zerfahrenheit» begradigt. Besorgniserregend!!!

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