Von der “Zerfahrenheit” zur Romantik der Intermedialität

Eine bange Frage schwirrt in meinem Kopf herum, ist plötzlich aufgetaucht wie eine lästige Fliege. Woher kommt sie? Wie hat sie bloß in meinen Kopf gefunden? Und wie kann ich sie nur erwischen? Welches Manuskript werde ich zusammengerollt als eine Fliegenklatsche benutzen?

Bahnt sich womöglich ein Paradigmenwechsel in meinem Kopf an? -Einer, den ich 1. nicht bewusst steuern kann und der 2. nicht die Radikalität des Bruchs mit dem vergangenen Paradigma hat? Vielleicht habe ich einfach zu viel Kuhn gelesen, zu viel von den Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen als eine liebe Metapher in mein Schreiben projiziert. Schreiben – ein linearer Prozess. Ich ein chaotisches Subjekt!

Ach, ich sollte nicht übertreiben! Ich – also ein Subjekt, das etwas durcheinander ist, es schwer hat mit der Ordnung der Dinge und Ordnung der Gedanken, mit der Unterordnung in von ihm abverlangte Disziplin, um ein Ziel zu erreichen, ein Ziel der gesellschaftlichen Anerkennung, der Diplomierung und damit der offiziellen Genehmigung, Dinge zu tun, die einem Philosophen zustehen. Einem Baccalaureus, einem Magister oder Doktor gar.

Die Logik ist eine einfache: wer staatlich geprüft und genehmigt das Recht zur Rede hat, darf, ja muss ernst genommen werden. Das Publikum schaut nicht, was jemand spricht, sondern WER spricht? Hat er die offizielle Genehmigung dazu, hat er auch mit geprüfter Sicherheit die Befähigung.

Aber war es nicht gerade ein Kind und nicht einer aus dem affektierten Hofstaat, der an des Kaisers neuen Kleidern feststellte, dass der Kaiser nackt sei? Mein Mißtrauen dem Hofstaat gegenüber wuchs und wuchs und nahm methodische Züge an. Die Studienordnungen, die standardisierten Referate, die glorifizierten Fußnoten, all das Blendwerk der Wissenschaftlichkeit – wiesen sie nicht alle in Richtung eines Scheinstudiums? Und dann all die schnell aus dem Hut gezauberten Updates der alten Geisteswissenschaften: Kultur-, Medien-, Management – in zwei bis drei Jahren zum fertigen Beruf, endlich die Antwort zu der Frage: «Germanistik und Philosophie auf Magister? Was willst du mal damit machen?» «Ich will es mir mal als Hut aufsetzen mit einer Pfauenfeder obendrauf!»

Fieser konnte eine Gesellschaft ihre Intellektfeindlichkeit, ihre radikale Abneigung gegen kritisches Denken und gegen Nachwuchsdenker nicht zum Ausdruck bringen. Denker sind nicht beliebt: im Kaiserreich nicht, im tausendjährigen Reich nicht und in der Bundesrepublik auch nicht! Sofort hat man einen Dutschke im Kopf, den man nur mit dem Schuss in den Kopf eines Bild-Zeitung-Lesers stoppen konnte, einen linken Krawallmacher, der nicht ordentlich studierte, sondern die Universität als ein Erholungs- und Ausbildungszentrum für Umstürzler und Unruhestifter betrachtete.

Ein ordentliches Studium, ja, das würde zu einem Beruf führen, zu einem Kulturmanager, zu Lohn und Brot mit Hilfe einer strikt einzuhaltenden Studienordnung mit Creditpoints. Nur so gehört man zum Hofstaat, der das Bestehende für gut und rechtens zu erkennen vermag! Alles andere ist pure Anarchie. Und ich konnte miterleben, wie all jene Professoren allmählich verstummten, die ihre Studentinnen und Studenten zum Forschen, Grübeln, Hinterfragen animierten und ihnen Zeit gewährten – Zeit?! Müßiggang, das weiß doch jeder, ist aller Laster anfang; die Geburtsstunde der Dutschkes, die in der Badewanne durch einen epileptischen Anfall ertränkt gehören, wenn der Schuss in den Kopf, in diesen wirren schon nicht gereicht hat!

Freie Fahrt für freie Liberale, statt für freie Radikale! Nur so lassen sich Millionen und Millarden scheffeln. Und hinfort mit den wirren Subjekten, die sich an keine Studienordnung klammern wollen und statt dessen sich in die Labyrinthe ganz wirrer Gedankengänge begeben.

Und was passiert mit mir? Schon auf dem Gymnasium auf den deutschen Idealismus getrimmt und mit protestantisch anmutender Moral und mit Verantwortungsbewusstsein für “die” Gesellschaft ausgestattet in die Welt entlassen, landete ich, weil ich für bare Münze hielt, wovon sich jeder Humboldtianer zum Berufserwerb rechtzeitig zu trennen verstand, Studiengangwechsel mit Anerkennung der Scheine von Magister auf Staatsexamen und ab ins Referendariat, in der Zerfahrenheit. Ich irre durch die Gänge eines Labyrinths, das sich permanent verschiebt.

Die lineare, dramaturgisch in sich abgeschlossene Erzählweise, die einen Anfang und ein Ende kennt, in der einzelne Geschichten stehen, funktionierte nicht – nicht für das ins Chaos entlassene Subjekt. Irrend und verirrt.

Mit der technischen Möglichkeit des Hypertextes entdeckte ich die Möglichkeit des Hypertextromans und nannte sie «Zerfahrenheit». Und als ich über die Poetik und Ästhetik dessen nachdachte, stieß ich auf – kann doch nicht wahr sein! – stieß ich auf Schopenhauer! Ein Wille, der mich leitet, der nicht meiner und doch mir zueigen ist!

«Ein System von Gedanken muß allemal einen architektonischen Zusammenhang haben, d. h. einen solchen, in welchem immer ein Theil den andern trägt, nicht aber dieser auch jenen, der Grundstein endlich alle, ohne von ihnen getragen zu werden, der Gipfel getragen wird, ohne zu tragen. Hingegen ein einziger Gedanke muß, so umfassend er auch seyn mag, die vollkommenste Einheit bewahren. Läßt er dennoch, zum Behuf seiner Mittheilung, sich in Theile zerlegen; so muß doch wieder der Zusammenhang dieser Theile ein organischer, d. h. ein solcher seyn, wo jeder Theil ebenso sehr das Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten wird, keiner der erste und keiner der letzte ist, der ganze Gedanke durch jeden Theil an Deutlichkeit gewinnt und auch der kleinste Theil nicht völlig verstanden werden kann, ohne daß schon das Ganze vorher verstanden sei. – Ein Buch muß inzwischen eine erste und eine letzte Zeile haben und wird insofern einem Organismus allemal sehr unähnlich bleiben, so sehr diesem ähnlich auch immer sein Inhalt seyn mag: folglich werden Form und Stoff hier im Widerspruch stehen.»
[http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-als-wille-und-vorstellung-band-i-7134/2]

Eine Monadologie des Rhizoms?

Was in mir wollte zur Wahrheit? Verlor ich an die Romantik meinen Verstand? Doch die Poetik des Hypertextromans birgt sehr viel, ja vielleicht sogar zu viel Chaos in sich, um einen tanzenden Stern zu gebären. Und nun steh ich da, ich armer Tor, und es reicht nicht einmal zum Armleuchter 😦

Denn man weiß nicht, an welchem Strang man zuerst schreiben und an welchem man weiterschreiben und welchen man zu Ende schreiben und ihn mit anderen verknüpfen soll. Welchen Erzählfaden soll man an welchen Rhizomknotenpunkt anknüpfen? Es kann produktiv sein, wenn die innere Dynamik des Labyrinths akzeptiert und die innere Dynamik der Produktion zum Treiben im Fluss der Dinge wird. Diese Dinge können aber auch so unglücklich aufeinander prallen, dass die poetische Vernunft den Produktionsfaden verliert, das Ruder ihr aus der Hand gleitet und man gar nicht mehr weiß, an welcher Teilgeschichte man weiterarbeiten soll.

Dieses Problem brachte die «Zerfahrenheit» zum Erlahmen. Nach dem «Auftrag» und «Brachland» entstand kein weiterer Knotenpunkt mehr. Chronologisch bildete zwar der Labyrinth-Roman den Anfang; da aber ein Rhizom nicht linear ist, steht der Labyrinth-Roman auch nicht am Anfang der «Zerfahrenheit», die wie ein Rhizom gar keinen Anfang hat.

Was sich nun einschleicht und die Dinge in einen ruhigen geraden Flusslauf bringt, ist die Linearität eines Fortsetzungsromans, der bei allen Wirren allmählich die «Zerfahrenheit» begradigt. Besorgniserregend!!!

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Die Romantik der Intermedialität

Ich erfreue mich an der neuen Universalität: Schrift, Theater, Film, Hörspiel – die Werke und Gedanken fließen in der Digitalität ineinander. Dabei wird eines immer deutlicher: ein Konzept der Kunst ist rationalistisch, ein anderes intuitionalistisch. Ersteres beginnt im Kopf mit dem Plan, mit einem Skript, mit einer technischen Zeichnung – quasi! Ohne Plan kein Kunstwerk! In der Musik liegen die Noten vor: es gibt eine Partitur. Davon ausgehend können die Rollen verteilt werden, alle Instrumentalisten bekommen ihre Noten. Jeder weiß, wann er was zu spielen hat – auf die Sekunde genau. Die Musik entsteht im Kopf, vielleicht unter Zuhilfenahme eines Klaviers oder einer Gitarre. Sie ist das Gebäude von Tönen und Takten entstanden nach der planvollen Architektur in all ihrer vernünftigen Reinheit und Perfektion, die Kunst wird geboren aus der planerischen Phantasie und wird umgesetzt durch die Exaktheit in der Unterwerfung unter die Rationalität des Plans und vor allem aber des Planers: weshalb, wieso, warum? Die Antworten sind durchdacht, Kunst ist, weil sich der Künstler, Schöpfer (=Gott des Werks) etwas dabei gedacht hat.

Dieses „dabei“ aber ist nicht wörtlich zu nehmen. Es meint nicht die Koinzidenz in der Sekunde der Kreation und Realisation. Der Realisation ist ein Plan vorausgegangen, das Walten einer konzeptionellen Vernunft. Sie stellt den Sinngehalt der Kunst her. Und ihre Erkennbarkeit bei der Rezeption und ihre Exegese durch die Interpretation liefern den Wert des Kunstwerks, was vor jeder Interpretation als interpretationswürdiges Kunstwerk befunden wird. Was nicht als interpretationswürdig befunden wird, wird als Quatsch abgetan.

Das ist traditionell und bekannt. Darauf basieren Hermeneutik (was ja schon im Namen den religiösen Touch mit sich trägt) und die Kunst der Interpretation. Und besonders rationalistisch ist, wenn wir an die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik denken, neben der Musik eben das Theater. Wir denken nun nicht an Gaukler, Jahrmärkte, Moritatensänger, Straßenmusik, an die Unterhaltung des Pöbels. Wir sind in Gedanken bei Kammerkonzerten, in Philharmonien, hören Symphonien oder lauschen in von Fürsten errichteten Nationaltheatern  den Worten von tragischen, komischen Dramen, von bürgerlichen Schauspielen in diversen Varianten. Wir sind nicht beim Film, der als Jahrmarktsattraktion begann und sich zu Hollywood verlustierte. Wir sind nicht bei der Kulturindustrie, die irgendwann auch einen Kunstanspruch formulierte und mit Nouvelle Vague oder dem deutschen Autorenfilm sich entindustrialisierte und individuelle künstlerische Wege suchte.

Schon der Wikipedia-Artikel über Nouvelle Vague liefert wichtige Stichpunkte:

1954 veröffentlichte François Truffaut den Artikel Eine gewisse Tendenz im französischen Film (Une certaine tendance du cinéma français). Dieser Text gilt als erste eigene theoretische Grundlage der Nouvelle Vague und wendet sich vor allem gegen jene Drehbuchschreiber, die uninspiriert Romanvorlagen adaptieren, ohne selbst einen Bezug zum Kino zu haben. Die Forderung: “Männer des Kinos” sollten Kino machen und sich nicht von Schriftstellern vorschreiben lassen, was verfilmbar ist und was nicht.

Von uninspirierten Drehbuchschreibern ist die Rede und von Schriftstellern, die anderen Vorschriften machen. Noch heute kann man kaum den Reflex in sich unterdrücken, den Film nach der Romanvorlage zu beurteilen, obwohl sich etliche Spielarten der Genese eines Films entwickelt haben. Ein Medienwechsel bedeutet auch den Wechsel der Beurteilungskriterien. Einen Roman mit einem Film zu vergleichen, bedeutet Inkommensurabilitäten über einen Kamm zu scheren.

Truffauts Manifest aber weist auf eine Möglichkeit, mit dem neuen Medium „Film“, neue Dinge zu sehen, zu thematisieren, zu zeigen. Film ist eine neue Sprache und damit kann man auch über neue Dinge sprechen oder bisher Unaussprechbares neu zu Sprache bringen.

Liest man Umberto Ecos Gedanken zu Casablanca, so sticht nicht zuletzt die Information ins Auge, dass dieser Klassiker quasi ohne Drehbuch entstanden ist, ohne eine zuvor rational verfasste, gut durchdachte und geplante Handlung, die vorgeschrieben wurde und deren Dramaturgie keinen anderen Handlungsverlauf zugelassen hätte. Das Wort Improvisation drängt sich da einem schon fast auf.

Wir sind beim heiligen Theater: da haben hoch angesehene Dichter der Klassik, der Aufklärung oder des Sturm und Drang in schriftstellernder Weise ihre Dramentexte vorverfasst, sie haben die Handlung vorgeschrieben, den dramatischen Spannungsbogen in ihrem Kopf genau vorgezeichnet, in Regieanweisungen haben sie in Paranthese die wichtigsten Gesten vorweggenommen. Sie haben das Spiel des Zufalls in ihrem Schriftstellerlabor im Keim erstickt – sie haben dem Chaos den Logos entgegengesetzt. Wer aber hat sie inthronisiert? Goethe wurde nicht Goethe, weil er Faust schrieb, sondern Faust wurde Faust, weil Goethe es schrieb. Die Geschichte und das Motiv des Johann Georg Faust und des Teufelspaktes gab es auch schon Jahrhunderte vor Goethe.

In großer Dankbarkeit setzt sich die Maschinerie der Inszenierung in Gang und entwickelt als großartiger Apparat ein Theater, das uninspirierter und lebloser nicht sein kann, dafür aber Abend für Abend nach der Premiere immergleich wie geklonte Schafe das reproduzierte „Spiel“ abspult. Und wenn man sich beispielsweise die Mülheimer Theatertage „Stücke“ anschaut, gewinnen nicht die Schauspielgruppen den Preis, sondern, wie es sich gehört: die Dramatiker der Gegenwart. Warum aber liest man die Stücke dann nicht einfach und vergibt nach der literarischen Qualität die Preise? Wozu die Bühnenperformanz, die dann nicht wirklich gewürdigt wird, als habe der Dramatiker höchstpersönlich das Stück inszeniert und gespielt?

Für mich ist Schreiben Literatur, das Spielen aber etwas ganz anderes. Das rationalistische Regime des Textes muss unbedingt durchbrochen werden. Der Text muss sich als gesprochene lebendige Sprache als Aktion in die Situation einfügen und die Situation muss sich in ihrer lebendigen dynamischen Individualität der Mechanik des Plans entziehen. Das Theater ist ein Spiel wie ein Sportereignis vergleichbar dem Fußballspiel. Regeln, Positionen, Spielstrategie, Ziel stehen fest. Das Handeln der Personen aber muss zur Erfüllung des Spiels frei sein. Ein Stürmer, der nur am Mund des Trainers klebt und auf dessen Anweisungen wartet, wird seine Funktion nicht erfüllen können.

Dies ist das andere Konzept von Kunst: die Realisation folgt der Inspiration durch Intuition. Diese Intuition ist keineswegs etwas Mystisches oder Dunkles, wie es Rationalisten gerne darstellen. Sie entwickelt sich durch Handeln und Reflektieren und wieder Handeln und wieder Reflektieren – es ist ein dialektisches Wechselspiel von Handeln und Analyse und Handeln. Wie auch die Abläufe eines Fußballspiels einer Videoanalyse unterzogen werden können, der Reflektion und der strategischen Planung bedürfen und sich doch im Detail nicht so wiederholen wie die Strategie es vorschreibt. Es gibt kein Drehbuch des Spiels, was das Spiel zu einer Marionette macht. Ein Gerüst existiert, Standardsituationen, strategische Prinzipien, verteilte Aufgaben, Rollen, Positionen sind gegeben und doch entwickelt sich das Spiel jedes Mal anders. So werden sich die Spiele zwar familienähnlich sein, aber doch wird jedes Spiel auch ein Individuum sein und seine Einmaligkeit behalten.

Jazz-Improvisationen folgen dieser Idee und ebenso das postdramatische Theater, das der Grundstrukturierung durch eine Handlung, die vorgeschrieben ist, enthoben ist. Es verhält sich zum dramatischen Theater wie ein Gedicht zu einem Roman. Postdramatik ist Lyrik auf der Bühne, was man durchaus doppeldeutig verstehen kann: a) „Lyrik auf der Bühne“ ist metaphorisch gemeint; es entsteht auf der Bühne ein Reigen von Symbolen, Bildern, Metaphern, Stimmungen ohne eine erzählbare Handlung, ohne Geschichte; b) in der Postdramatik werden Gedichte inszeniert, Lyrik rezitiert, wobei a) und b) wunderbar ineinander greifen und ineinander fließen können.

Und kein Spiel wird exakt dem anderen gleichen, es wird nicht geklont sein, nicht reproduziert werden können anhand eines Textes, einer Partitur, worauf das Spiel zurückgeht. Das Geschehen auf der Bühne ist intuitiv, kommt aus dem Körpergedächtnis und hat seine Inspiration nicht aus der selbstgefälligen und auf sich selbst bezognenen Vernunft und ihrer rationalen Planung, sondern aus dem Inneren der Situation. Hier bekommt das „Spiel“ eine andere Bedeutung. Es ist keine Darstellung einer Rolle, keine Mimesis eines Charakters, sondern die Veräußerlichung der zunächst verinnerlichten Funktionen einer Figur, die im Laufe des Geschehens individuell agiert: wie Schachfiguren, die zwar festgelegte Bewegungsmöglichkeiten haben, dennoch aber durch die Züge jeweils ein einzigartiges Spiel entstehen lassen. Das Nachspielen von bestimmten berühmten Spielen hat etwas Mechanisches, was dem Schachspiel eigentlich nicht wesentlich ist.

Schnell gerät allerdings das intuitionalistische Spiel in den Verdacht, sinnlos zu sein. Der planende und Sinn verleihende Geist scheint sich verabschiedet zu haben. Was bleibt ist sinnloses Chaos. Denn im Unterschied zu den herangezogenen Beispielen wie Fußball- und Schachspiel ist das Ziel des ästhetischen Spiels nicht klar definiert: es treten nicht zwei Gegner an, es gibt keine Kriterien des Erfolgs über den anderen; man weiß nicht, wer wann warum gewonnen haben sollte. In der Tat ist das der Punkt, an dem die Beispiele nicht überstrapaziert werden sollten. Denn das intuitionalistische Konzept der Kunst trägt seinen Sinn in sich selbst. Ach, dann kann es ja nie misslingen, könnte man meinen! Aber wer sich in die Organik einer Produktion einlebt, wird auch die Fehlfunktionen erspüren und rational versprachlichen können. Auch wenn jeder Mensch individuell ist, können wir doch empathisch sein Wohlbefinden erkennen und sehen, ob es ihm gut geht, oder ob er kränkelt oder gar krank ist.

Dieser rezeptiven Empathie werfen wir Steine in den Weg, wenn wir als Beurteilungskriterium der Kunst die Hermeneutik des rationalistischen Konzepts heranziehen. Der Sinn ist nicht der rationalen Intention unterworfen, sondern entsteht im Spiel während des Spiels und während der Rezeption des Spiels. Das Publikum ist kein Konsument einer Botschaft oder einer Moral, sondern Mitproduzent des Sinns im organischen Spiel aller Kräfte. In der Postdramatik verliert die Kunst ein Stückchen Metaphysik.

So schreibe ich einen Roman SOKRATES, der auf die Einwürfe des Publikums reagiert und Menschen aus dem Publikum literarisiert, zugleich schreibe ich Texte für postdramatische Spiele, die einen Grundtenor, ein Motiv und Sprechelemente erzeugen, ohne das Spiel planerisch vorwegzunehmen, so entstehen Audioaufnahmen, die mit Video- und Fotoaufnahmen zu Youtube-Filmen weitergestaltet werden, ohne dass ein Drehbuch das Produkt vorschreibt; während wir also auf der Bühne spielen, Texte rezitieren, Stimmungen erzeugen und Videoaufnahmen machen, können wir noch nicht sagen, wie der Film am Ende sein wird; ebensowenig wie ich beim Schreiben der Texte schon weiß, wie sie tatsächlich szenisch verwendet werden, wobei eben zu betonen ist, dass ich hier von „verwenden“ und nicht „umsetzen“ spreche. Denn es geht nicht darum, Texte auf Bühne und Film umzusetzen. Und umgekehrt wird der Fortsetzungsroman nicht einfach nur die Filme oder das Bühnengeschehen nacherzählen. Klar aber ist, dass die Dinge ineinander fließen – das ist die Romantik der Intermedialität.

SOKRATES -Der kafkASKe Fortsetzungsroman

Während die 182. Folge des Romans geschrieben wird, kann Folge 181 schon veröffentlicht werden. Er ist wie immer auf meinem ask-Profil zu finden. Nach der 200. Folge wird der 2. Band als Buch vorbereitet und herausgegeben.

Gestern verglich ein Kollege den Roman mit der “Lindenstraße”. Was die theoretische oder konzeptionelle Unendlichkeit anbelangt mag das schon richtig sein. Aber inhaltlich und stilistisch geht der Roman gänzlich andere, surreale Wege. Natürlich ist auch die Familienähnlichkeit zu Kafka vorhanden. Manche werden sagen: eine sehr weit entfernte Familienähnlichkeit. Der Roman fängt jedenfalls mit der Verhaftung des Helden bzw. der Hauptfigur an.

Es gibt ein Bild von einer Sokrates-Büste, der die Nase fehlt. Inspiriert davon wird meiner Hauptfigur bei der Verhaftung die Nase gebrochen:

Er stand unter der Dusche, als er verhaftet wurde. Er ließ sich nicht großartig stören; aber es war schon verwunderlich, dass jemand plötzlich in sein Badezimmer kam. Kurz erschrak er, hatte aber Seife auf dem Kopf und in den Augen, die er für einen Moment zu weit aufriss, wie sonst immer seine Klappe. Er lugte hinter dem Duschvorhang hervor; den Satz, dass er verhaftet sei, von einer sehr angenehmen Frauenstimme noch im Ohr, fragte er: «Wie sind Sie überhaupt in meine Wohnung gekommen?»

Die Frau machte keinerlei Anstalten, sich wegzudrehen oder das Bad zu verlassen. Statt dessen hielt sie stolz eine Scheckkarte in die Luft: «Damit». Ihre Augen, die er jetzt sah, obwohl er es lieber gehabt hätte, wenn sie sich umdrehte, waren mindestens so schön und angenehm wie ihre Stimme. «Ich würde mich jetzt gerne abtrocknen», sagte er. Sie nahm ein Handtuch und reichte es ihm wortlos rüber.

«Sind Sie allein?» fragte er und noch ehe sie antworten konnte, kam eine männliche Stimme drohend aus der Küche: «Nein, ich bin auch da.» Sie sah seine Enttäuschung und musste schmunzeln. Er drehte ihr den Rücken zu, um sich wenigstens halbwegs geschützt abtrocknen zu können. Schließlich band er sich hilflos und umständlich das Handtuch um die Hüften. «Verhaftet?» fragte er, «Warum das denn?» Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er an ihr vorbei ins Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer. Er hatte eine kleine Wohnung, bestehend aus diesem besagten Raum, dem Bad und der Küche.

Aus der Küche kam ein bulliger Kerl etwa 50 Jahre mit einem Bierbauch und einer offen getragenen Dienstwaffe an der Jeanshose mit einem Marmeladebrot in der Hand. «Hmmm, ich liebe selbstgemachte Marmelade», schmatzte er. «Die haben aber nicht Sie gemacht, oder?» «Doch. Aus Pflaumen aus dem eigenen Garten. Fühlen Sie sich wie zu Hause und bedienen Sie sich. Sind Sie überhaupt Polizisten?» Er hätte besser auf die kräftige und trotz des Bierbauchs stramme Statur des Bullen achten sollen. Jetzt war es zu spät. Er ließ das Brot im Mund schmatzend verschwinden und plötzlich sauste ein Fausthieb auf die Nase des Frischgeduschten.

Damit beginnt der Romanreigen und keineswegs geht es dabei nur um diese nun verhaftete Figur mit der gebrochenen Nase. Neben einem magisch-realistischen Handlungsstrang, gibt es natürlich den Dschungel der Behörden und einen magisch-phantastischen Wald. Ein seltsamer junger Mann, der sich weigert, erwachsen zu werden (die Assoziationen zur “Blechtrommel” sind nicht gerechtfertigt!), wandelt zwischen den Welten und den Träumen der Menschen. Er heißt Basti und hat eine Eigenschaft, von der ich mich allen Ernstes frage, ob sie nicht alle Menschen haben, auch wenn sie als Fähigkeit niemand einzusetzen versteht. Basti kann in den Träumen seiner Mitmenschen erscheinen.