Für Kältesplittersymphonie

Gefühlsgier

Wie schön, dass du mir ab und an einen Gedankenstrich schickst. Ich sollte irgendwie begreifen, dass manche Dinge nicht in der Menge anderer Dinge unachtsam untergehen dürfen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich darauf komme. Irgendetwas auf deinem Profil hat mich darauf gebracht, also hat es auch etwas mit dir zu tun. Aber die Verbindungen sind locker, sie sind nicht mechanisch und die Kette ist nicht eine Kausalkette von Ursache und Wirkung. Die Welt der Elektronik verbindet anders, schafft womöglich auch neu zu überdenkende Zusammenhänge, so dass man selbst den Begriff des Zusammenhangs neu überdenken sollte. Wenn die Romantik mit Kerzenschein verbunden wird, verkitscht sie völlig. Dabei haben die Romantiker etwas im Universum zu ergründen versucht, was eine magische Verbindung war. Kepler, Galilei und Newton brachten mit ihrer Astronomie das Universum in geordnete Bahnen; alles schien berechenbar und wohlsortiert zu sein. Das Universum wurde zur Mechanik der Himmelskörper. Doch die Kräfte der Gravitation, die Massenanziehung oder die Gezeiten auf der Erde oder der Magnetismus erfolgen, wenn sie auch mechanische Auswirkungen zeigen und mechanische Zusammenhänge nahe legen, eben nicht mechanisch. In diesem Spalt der energetischen Verbindungen findet die Romantik ihren Stoff, ihre Begründung und Motivation. Es sind keine Hebel, Gestänge, Wellen, Ketten, Seile, die die Kräfte übertragen. Schon der Beginn des 20. Jahrhunderts musste die Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorbringen. Anstatt, dass die Menschen davon verzaubert und ergriffen wurden, anstatt, dass sie die Elektrizität, den Magnetismus, die Radiowellen und radioaktiven Strahlen zum Anlass nahmen, um ihre Lebens- und politische Philosophie neu zu ordnen und über alles, vor allem aber über das Universum und Leben, neu nachzudenken, verirrten sie sich praktisch in der mechanistischen Moderne (Chaplin, Modern Times, der Mensch zwischen den Zahnrädern gefangen und zerquatscht mit einem Schraubenschlüssel in der Hand), die Maschinen fressen quasi ihre Erzeuger. Da schreibt im 18. Jahrhundert der Sohn eines Salinendirektors, selbst zum Bergbauingenieur ausgebildet, “Blütenstaubfragmente”? Er übermittelt dem Leser die Aufforderung, selbst zum Autor zu werden und sich zu den eigenen Texten und den Texten anderer so zu stellen, dass man sich lesend und schreibend durch ein Netzwerk bewegt. Wer das tut, erfüllt das Blütenstaub-Programm. „Fragmente wie diese sind literärische Sämereien“, schreibt Novalis, sie sind dem Leser in den Kopf gepflanzt, hier können sie in größeren Werken aufgehen, die die Leser selber schreiben, so erfüllen sie ihre geistig-evolutionäre Aufgabe. Nicht das Nachbeten von Gelesenem macht die geistige Fruchtbarkeit aus, sondern das fruchtbare Transzendieren. Wer weiß, was uns verbindet? Eine Seilschaft ist es nicht 🙂

Gefühlsgier

Einige Dinge enttäuschen mich maßlos. Ich finde keine Worte und frage mich, warum ich nicht aus der Käseglocke meiner Illusionen komme; dann frage ich mich aber sofort im nächsten Schritt: was wäre, wenn jemand die Glocke lüftete? Möchte ich den Verlust meiner Illusionsatmosphäre überhaupt haben? Oder wäre das womöglich so wie das Öffnen des Astronautenhelms im All?

Sowohl die falsche Hoffnung als auch die Enttäuschung, die man ja auch als eine Desillusionierung begreifen muss, spielen sich innerhalb des Astronautenhelms ab. Draußen ist wahrscheinlich nichts.

Oder lebe und atme ich unter einer Plastiktüte und wäre richtig befreit, wenn ich sie mir vom Kopf nähme? Wie kann man das herausbekommen, ohne einen größeren Schaden zu erleiden? Philosophisch geschult frage ich routiniert: woher die Gewissheit? Schier mit professioneller Langeweile kann ich zweifeln und skeptizieren. Ich denke, ich bin ein Denker, aber die Kritik erreicht meinen blinden Fleck nicht. Ich sehe deine Narben und denke: irgendetwas muss man ja tun, um Gewissheit zu erlangen. Vielleicht ist der Schmerz gewiss. Ich hatte immer einen Druck auf der Brust, einen Stein, ein Beschwernis. Ich könnte höchst spekulative und an Freud geschulte Interpretationen liefern, um mich bei Analytikern der Lächerlichkeit preis zu geben, denen Freud längst überholt ist. Aber was soll’s? Wozu sollte das gut sein? Erst seit etwa drei Jahren, drei magischen Jahren, fühle ich mich frei von der Last. Sie ist weg, ich könnte frei atmen und manchmal, wenn ich meine Tüten-Astronautenhelm-Theorie vergesse, tue ich das auch. Kurz ist alles gut, perfekt, bestens, unschlagbar. Dann wieder das Schweben durch das All. Ich könnte die Schwerelosigkeit genießen, weiß aber um das Losgelöste, das zu Muskelschwund führt. Ich bin ein Schatten meiner Selbst und verfolge mich und versuche über mich zu springen. Warum habe ich nicht die Illusion eines sicheren Halts im Leben? Warum weiß ich mich von Illusionen, Lügen, Konstrukten der Hilflosigkeit, von Gemeinheit und Niedertracht, Unzulänglichkeit und Lieblosigkeit umzingelt? Natürlich verfolgt mich keiner. Dazu bin ich unter meiner Tüte bzw. meinem Helm zu bedeutungslos. Und selbst da bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Bedeutungslosgkeit gerne gegen etwas anderes eintauschen würde – z.B. gegen Prominenz. Mir genügen kruze Hochgefühle, dort oben im Reich der Ideen und Ideale ist mir die Luft zu dünn. Im finsteren Tal des Selbstzweifels wandle ich blind über Stock und Stein. Vielleicht sollte ich mal wieder aus dem Bewusstseinsstrom trinken und vielleicht würde mir jemand liebevoll besorgt zurufen: «Pass auf, Uri, fall nicht herein!» Und ich würde eine beruhigende Geste machen, fast das Gleichgewicht verlierend. Ich kann doch schwimmen. Aber hier gibt es Strudel. Und auf dem Grabstein eines leeren Grabes, weil man meine Leiche nicht fände, stünde: Er ist im Fluss seiner Gedanken ertrunken – eines Tages tauchte er nicht mehr auf. Ob jemand diese Inschrift lesen würde?

Ich würde sie lesen. Gefühlsgier

Das ist wirklich lieb. Siehst du jetzt habe ich Pippi in den Augen 😥

nicht weinen, weiß dann nämlich nie, was ich machen soll. Gefühlsgier

Gute Musik, emotionale Dialoge, herzzerreißende Momente – ein Romantiker hat schon beim Anblick des heutigen Vollmonds Tränen in den Augen. Aber das ist nicht geweint, sondern nur gerührt 😉

Gefühlsgier

Heute stand der Tag unter einem seltsamen emotionalen Sturmzeichen. Entspannt sieht anders aus. Mich ärgerte schon um 10.30 Uhr ein kleines Phänomen im Büro, mit dem ich konfrontiert wurde. Gleich darauf eine halbe Stunde später einer meiner besten Freunde, der immer anklopft und wartet, bis ich aufstehe, den 10m langen Flur zur Tür gehe und ihm die Tür öffne, die aber meistens nicht abgeschlossen ist. Er könnte anklopfen und eintreten und fertig. Ich habe schier hysterisch “herein” gebrüllt.

Was wühlte mich nur auf? Und warum schreibe ich dir das? Hat das überhaupt eine persönliche Note? Womöglich schon: ich sah unter deinem Profilbild dein Stimmungssymbol, was mich nicht gleichgültig lässt, obwohl ich dich persönlich überhaupt nicht kenne. “Gefühlsgier” und @kaelteplittersymphonie sind aber auch emotional sehr starke Begriffe. Das trifft meine poetisch-romantische Ader ebenso wie die Gesamtstimmung auf deinem Profil.

Und ich weiß, dass dieser Gedankenstrich, der schon seine 10 Tage auf dem Buckel hat, nicht mit einer verschickten @-Frage verwechselt werden sollte. Ich bin aufgerufen, aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht, wozu aber eben auch gehört, dass ich mich im Moment frage, welche unsichtbaren Bande zwischen Menschen Verbindungen herstellen können.

Gestern habe ich mich mit einem Artikel über “Zukunft” und über den absoluten und relativen Zeitbegriff beschäftigt. Ich hatte unlängst auf eine Frage, was mir die Zukunft bringen werde, geantwortet, die Zukunft könne mir gar nichts bringen, sie sei kein Subjekt. Ein Postbote beispielsweise bringt Post; er existiert und es ist sehr sinnvoll zu fragen, ob und was er mir morgen bringen wird. Selbst beim Weihnachtsmann macht die Frage Sinn, obwohl er nicht existiert; aber er symbolisiert eine gewisse Tradition, er steht für die Geschenke, die man erhält, und ist als solches Symbol auch existent. Die Zukunft aber ist eine gedankliche und modellhafte Fiktion, die eine modellhafte, fiktive Verlängerung der Zeitachse von heute auf morgen und übermorgen usw. symbolisiert. Während die Menschen, die einem zu Weihnachten etwas schenken heute schon existieren und ihr Schenkungsverhalten vom Weihnachtsmann symbolisiert wird, steht der Begriff der Zukunft genaugenommen für nichts. Denn die Zeit könnte heute schon aufhören zu existieren, dann gäbe es auch keine Verlängerung ihrer Achse zu morgen und übermorgen.

Heute beschäftigt mich der Artikel noch immer. Den Punkt mit der Krümmung der Zeitachse im Raum verstehe ich ehrlich gesagt in meiner ontologischen Beschränktheit nicht. Dafür habe ich das Gefühl, dass unsichtbare Bande durch Worte Raum und Zeit überwinden und Menschen verbinden können. Das kann, muss aber nichts Positives sein. Ich fand heute uralte Urlaubsfotos und die Gespräche von damals waren plötzlich wieder da: lebendig und nah. Irgendetwas in mir hat sich gekrümmt im Archiv, das im Grunde kein richtiges Archiv ist, sondern ein Lager. Und ich? Zerrissen, gekrümmt, im Wurmloch.

«Was würdest du für einen guten Zweck tun?

Ich würde mit einer Flasche Hochprozentigem irgendwo hinreisen wo es im Winter extrem kalt wird und dann so weit in den Wald laufen, dass mich niemand finden, die ganze Flasche inhalieren und dann einschlafen. “Einschlafen”.»

Gefühlsgier

http://ask.fm/kaeltesplittersymphonie/answers/138633054322 Schick mir doch lieber für einen guten Zweck einen Gedankenstrich, damit mein Vorrat an Gedankenstrichen von dir nicht kleiner, zu klein und am Ende gar alle wird. Der Schmerz gehört zum Leben wie all die anderen Dinge auch, vielleicht fügen wir jenen Menschen, die wir lieben und mit denen wir befreundet sind, deswegen auch Schmerzen zu. Manchmal schmerzt schon allein die Liebe, oft die Sehnsucht, aber Distanz gehört zur Nähe wie Schmerz zur Leidenschaft. Ich möchte nicht durchs Leben gehen mit einer Münze, die nur auf der einen Seite geprägt ist, nur Rosen zeigt und sonst nichts. Gehört nicht zu jedem Sonnenuntergang auch ein Sonnenaufgang bis ans Ende aller Tage. Dann natürlich ändert sich alles, bis dann aber ändert sich vieles und nichts bleibt, wie es ist. So können wir nicht zweimal in denselben Fluss steigen, wir sind auch selbst vorher und nachher nicht dieselben. Und womöglich treiben wir voneinander weg, strecken im Nebel noch einmal die Hände nacheinander aus, als wäre dies kein Abschied für immer. Ich genieße das Feuer am Abend, es wird kühl und ich werde wahrscheinlich bald frieren in kurzer Turnhose und verschwitztem T-Shirt. Die Leiter, von der ich herabstieg, ziert noch immer die Hütte, ein plötzliches Knacken im Feuer erschreckt mich und ich erinnere mich an meine etwas weichen Knie, als die Füße wieder festen Boden unter sich haben. Knappe 3m können viel sein bei Höhenangst. Es war nicht das Leben an sich, woran manch ein Romantiker litt, nicht das Mysterium des Ein- und Ausatmens, des Stoffwechsels und des Schmerzes, der Begierde und der Abweisung, des Abgewiesenseins und der Suche nach Freundschaft, wissend, dass wir einsam sind und bleiben müssen; sie hätten all das genießen und verkraften können, wenn ihnen andere nicht ein besonderes Leben bereitet hätten, wohlgeordnet, fest verschnürt und gebahnt und gebündelt, zweckgerichtet und nützlich und nach Nützlichkeit und Nutzen strebend. „Philister“ nannten die Romantiker diese Leute und sie waren in der Überzahl, sie waren übermächtig und unerschütterlich, so frei von Schmerz und Sehnsucht und ihrer Sache immer so wahnsinnig sicher. Das ist schlimmer als irgendein Schmerz, wenn du dich von diesen „Philistern“ umzingelt siehst, ihre Heuchelei, Gedankenlosigkeit, Wut und Ordnungsliebe über dich gekübelt bekommst wie einen Jaucheeimer, ohne dass du den Geruch wieder loswerden kannst, egal, wie intensiv und oft du dich wäschst. Während das Feuer knackt, frage ich mich, wie man dem Irrsinn dieses Zwangs, in den die „Philister“ uns stecken, entrinnen kann und ob das überhaupt möglich ist oder ob wir kläglich in uns verbrennend zu Asche werden und eingehen oder als Rauch in den Himmel auffliegen müssen, um zu vergehen, nicht um aufzusteigen. Vielleicht aber hilft es, wenn wir dem Irrsinn der Vernunft, den Irrsinn des Irrsinns entgegenhalten und ganz vernünftig wie wir sind und nicht wie die „Philister” uns verrückt stellen.

Gefühlsgier

Die Romantik gilt als ein zwischneidiges Schwert: ihr Intuitionalismus, ihr Vertrauen in die Gefühle und in das Schwelgen darin, in Ahnungen und Vorahnungen, in schwer begründbare Dinge, die ebensogut vorhanden wie eingebildet sein können, erschien den Rationalisten als unvernünftig. Die Romantik schien in ihren Augen einen Hang zum Irrationalismus zu haben und der Irrationalismus ist natürlich dem Wahnsinn nahe. Die Dinge verlieren ihre klare Konturiertheit, werden größer, kleiner, sind verzerrt, entstellt, kaum wieder zu erkennen, monströs wie das eigene Gesicht vor den Spiegeln eines Spiegelkabinetts auf dem Jahrmarkt. Verzerrte Optik, verdrehte Sichtweise, eingebildete Ursachen, phantastische Verknüpfungen im Hirn, die das Unlogische logisch erscheinen lassen. Traum und Wirklichkeit verschwimmen ineinander, man gerät in einen ideologischen Schwebe- und Rauschzustand. So kann man keine Maschinen bedienen, so kann man kein Auto fahren – so kann man eigentlich nichts, was Feinmotorik, schnelle Auffassungsgabe und Reaktion verlangt.

Der Rausch rückt in den Lebensmittelpunkt.

Ein Mensch, der Fahrt aufgenommen hat, um sein Leben gegen die Wand zu fahren, kann dies als ein Glücksfall empfinden. Zu bedenken ist nur, dass das Leben einmalig ist, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde des Lebens sind einzigartig und einmalig und nichts von dem Verflossenen kehrt wieder; und dennoch wäre es völlig falsch, an einer permanenten Lebensoptimierung zu arbeiten und sich ohne Unterlass zu fragen, ob die Zeit des Lebens auch am besten genutzt wurde. Dieser Druck allein würde einem die Lebenssuppe gehörig versalzen. Aber andererseits birgt die radikale Selbstzerstörung die unleugbare Gefahr in sich, das Leben gehörig zu verschwenden und die Chancen, die man hat, zu verspielen.

Rumi, der Philosoph der Derwische, unterscheidet zwischen dem niederen und dem höheren Rausch. Alkohol und andere Drogen ziehen den Menschen hinab ins Grab, zerstören sein Nervensystem und sein Wahrnehmungsvermögen. Die Sinne werden nicht erweitert, sie werden verzerrt und zerstört. Eine Lebensphilosophie, die doch die Philosophie des Lebens und nicht des Sterbens sein soll, wenn sie ihrem Namen gerecht werden will, kann den niederen Rausch nicht gut heißen – nicht in seiner Destruktivität. Aber soll man dem die Abstinenz gegenüberstellen? Sicher nicht.

Der höhere Rausch ist meiner Meinung nach mit Antonin Artauds Suche nach dem Leben hinter den Zeichen und Symbolen im „Theater der Grausamkeit“ verwandt – mit dem dionysischen Theater, des Gottes der rauschhaften Feste. Man muss hinter dem Ganzkörperkondom der Sprache und des Denkens das Leben berühren. Novalis sagt: «69. Im höchsten Schmerz tritt zuweilen eine Paralysis der Empfindsamkeit ein. Die Seele zersetzt sich. Daher der tödliche Frost, die freie Denkkraft, der schmetternde unaufhörliche Witz dieser Art von Verzweiflung. Keine Neigung ist mehr vorhanden; der Mensch steht wie eine verderbliche Macht allein.»

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Deutschland …twelve points

Ich würde dem zustimmen, wenn es da nicht etwas gäbe, was mich erschaudern lässt: der dumme Nationalismus! Im Grunde müssten wir tatsächlich zur Hochzeit des deutschen Geistes mit Hölderlin, Heine, den Romantikern und vielen anderen zurückfinden und dort anknüpfen, wo noch gedacht, empfunden und Kunst entwickelt wurde, weil es nicht um Kunst, sondern um den Geist ging. An diesem deutschen Wesen bin ich aus der Türkei kommend in den 70er Jahren genesen, um voll Trauer zu sehen, wie all die liberalen Errungenschaften seit Kohls “geistig-moralischer Wende” bis zu seiner Ziehtochter Merkel elendig untergingen – auch inklusive der deutschen Sozialdemokratie 😥

Charli Wolf: Eine Stimme für die Welt

Esc der Untergang des deutschen Musikmarktes.

So langsam heisst es Aufwachen in Deutschland. Musik machen will gekonnt sein. Unser musikalisches Denken und schaffen muss komplett überdacht werden.

Es fehlt der Pepp. Es fehlt der Witz. Es fehlt an Komposition. Es fehlt an Nachhaltigkeit. Es fehlt einfach an Allem, was uns noch ernst nehmen lässt.

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Ein Philosoph im Theater…

Ein Fall für die Komödie?

Im Zusammenhang mit dem SOKRATES-Roman habe ich ja schon am 19. Januar diesen Jahres den Begriff des „Hölderlin-Komplexes“ in die Waagschale geworfen. Und nun, da der April schon fast zu Ende geht und für die letzte April-Woche die Wettervorhersage kalte Tage ankündigt, schaue ich auf einen sonnigen Garten bei wechselhaftem Wetter mit Schauern. Es zieht mich wieder hinaus aus der Laube, obwohl ich weiß, dass ich heute in der Kälte nicht denken und schreiben mag. Das Thinkpad würde in der Laube bleiben.

Dabei ist mir heute durchaus auch nach einer kernigen Frage zumute, der ich wahrscheinlich nicht gewachsen sein werde, obwohl ich natürlich auf die Idee des Hölderlin-Komplexes zurückgreifen könnte. Es wäre die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft; Gesellschaft und Kunst! In vielfacher Weise stellt sie sich immer wieder und in letzter Zeit durchaus auch heftig, aber in keinster Weise habe ich befriedigende Antworten darauf!

Ein klarer Gedanke zu diesem Themenkomplex wird sich nicht finden lassen, ein Geschichtenkonglomerat in dem Fortsetzungsroman SOKRATES schon! Die 197. Folge habe ich mit den Worten: „«Zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge», sagt ein Freund immer mal wieder und liest dann doch ziemlich genau mit, was mich manchmal überrascht. Er wird im Roman verschwinden und wieder auftauchen. Jetzt aber Folge 197 des SOKRATES“ eingeleitet.

Wie sehr kann ich den Mangel an Feingefühl meiner Arbeit gegenüber ertragen? Und muss ich auf diesen Mangel und auf die Ignoranz aus Unwissenheit und Dogmatik reagieren? Wechselhaft wie das Aprilwetter ist auch das Licht, in dem ich den Roman und die Reaktionen darauf sehe. Muss ich nun anfangen, die Interpretationen zu meinem eigenen literarischen Werk zu liefern?

Sokrates der große Fragensteller bekommt einen Prozess an den Hals, weil er eben ein großer Fragensteller ist; ihm werden Gotteslästerung und Verführung der Jugend vorgeworfen und er wird zum Tode verurteilt; er verlässt aber seine Heimat Athen, seine Polis, nicht, weil er sagt, dass Unrecht leiden besser sei als Unrecht zu tun.

Hinter der sokratischen Haltung steckt eine besondere Weisheit der Gemeinschaft bzw. der Gesellschaft gegenüber: eine Polis ist eine Gesellschaft, die wohlgeordnet ist, die in ihren Regeln, Gesetzen und Kultur als stimmig empfunden werden kann. Man muss gegen diese Gesellschaftsordnung nicht rebellieren, keinen zivilen Ungehorsam leisten, sondern kann prinzipiell mit ihr einverstanden sein. Und wenn dieses prinzipielle Einverständnis vorhanden ist, kann man und muss man auch, einzelne Fehler der Polis ertragen und auf sich nehmen. So mag Sokrates zu Unrecht verurteilt sein und seine Ankläger mögen ihn zu Unrecht angeklagt haben, aber die Grundfesten der Polis sind davon unberührt, wenn der Prozess rechtens ist und fair verläuft. Ansonsten müsste gelten: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Dieses prinzipielle Unrecht sieht Sokrates in seinem Fall nicht, auch wenn er individuell in diesem einen Einzelfall zu Unrecht verurteilt wird. Jedes System darf Fehler machen, ohne dass man deswegen das System insgesamt und prinzipiell in Frage stellt. Aus diesem Grund will Sokrates keine Flucht, durch die er sich der Bestrafung entziehen könnte. Wenn ein Individuum das Urteil seiner Polis nicht erträgt, nur weil es mal fehlerhaft ausfällt, dann kann er Schaden an seiner Seele nehmen, wenn er sich diesem Urteil zu entziehen versucht: das wäre Unrecht.

Soweit die sokratische Argumentation im Verhältnis Individuum und Gesellschaft. Wie gerecht kann aber eine Polis eingerichtet sein, in der Menschen zu Unrecht angeklagt und verurteilt werden können? Wenn ich an Franz Kafkas Aphorismus denke, wäre die Toleranz gegenüber Fehlurteilen gleich Null: „32 Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeuten eben: Unmöglichkeit von Krähen.“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-aphorismen-166/1)

Der Fortsetzungsroman auf ask.fm einem Fragenplattform bekommt als Titel den Namen dieses großen Philosophen. Zugleich spiele ich auch auf den „Prozess“ von Franz Kafka an und verstehe meinen Roman auch als eine Hommage an ihn. Und sein großes Thema: die Unfähigkeit zu heiraten, eine feste, gesellschaftlich sanktionierte Bindung einzugehen in einer überverwalteten Welt. Und das große Thema an sich: was macht diese Gesellschaft mit ihren Künstlern und Literaten? Zugleich ist das auch das Thema der Romantik und insbesondere das des Hölderlin. Aber wir finden natürlich auch das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft auch bei Thomas Mann, z.B. in „Der Tod in Venedig“; wer nicht die ganz dicken Schinken lesen mag, kann in dieser Novelle konzentriert sich mit dem interessanten Thema auseinandersetzen.

Was aber bedeuten nun asketische Ideale, wenn man um ein Verhältnis mit der Gesellschaft ringt? Ist die Ehe der Eintritt in die Normalität? Die Aufnahme in die „bürgerliche Mitte“? Damit also auch in einen Zustand, der von einem Philosophen nicht gewollt sein kann, da die Polis und er grundsätzlich im Kampf miteinander stehen? Nur Sokrates, wie oben behauptet, hat ein grundsätzliches Einverständnis mit seiner Polis und daher ist es auch nur konsequent, wenn er ein verheirateter Philosoph ist.

Das Verheiratetsein wird auch von Nietzsche im Zusammenhang mit Philosophie und insbesondere mit Sokrates angesprochen, als es ihm in „Zur Genealogie der Moral“ um die asketischen Ideale geht. Wie bei Thomas Mann, so auch bei Nietzsche geht es aber nicht allein um das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft, sondern auch um das Verhältnis zwischen Kunst und Künstler, der in einem sozial massiv auf ihn einwirkenden Kontext lebt und wirkt. Dabei wird die Frage der Lebenseinstellung auch zu einer ästhetischen Frage. So geht es auch um das Verhältnis Leben-Kunst. Leben und Ästhetik, Ästhetik und Leben lassen sich gar nicht voneinander trennen.

Nur wer in spießig geordneten und völlig unhinterfragten sozialen und vitalen Strukturen funktioniert und nur wem sein Leben eine selbstverständlich geordnete Bahn darstellt, kann auch auf dem kapitalistischen Kulturmarkt kommerziellen Kitsch produzieren und loswerden. Sokrates’ ethische Haltung der Gesellschaft gegenüber ist nicht unreflektiert, vielmehr ist er mit seiner Polis einverstanden. Darin ist er konsequent konservativ.

Ein kommunistischer Schriftsteller in der heutigen Zeit kann nicht konservativ sein, weil er die Gesellschaft und ihre Ordnung unmöglich bewahren wollen kann. Die kapitalistisch-imperialistische Ordnung muss überwunden und das Eigentum mit dem dazugehörigen Überbau abgeschafft werden. Ein Individuum kann das nicht bewerkstelligen. Aber es muss seine Haltung dazu mit sich klären und seine Position im Leben dieser Gesellschaft finden. Das ist eine große Lebenskunst.

Sowohl Kitsch als auch „Anspruch auf Anspruch“, also pretentiöse Kunst, die mit Botschaftlastigkeit und der großartigen Geste daher kommt: „Seht her, ich habe mir große Gedanken gemacht, als ich dieses Kunstwerk schuf“ sind ästhetisch minderbemittelte Problemfälle der Kunst.

Nur wo Kunst spielerisch frei ihre Eigendynamik entfalten kann, entwickelt sie ästhetische Qualität. Und der Begriff der „spielerisch freien Eigendynamik“ steht keinesfalls im luftleeren Raum, sondern leitet sich vom Wittgensteinschen Spiel- und Regelbegriff ab.

Welcher große Philosoph war bisher verheiratet? Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer – sie waren es nicht; mehr noch, man kann sie sich nicht einmal denken als verheiratet. Ein verheirateter Philosoph gehört i n die Komödie, das ist mein Satz: und jene Ausnahme Sokrates, der boshafte Sokrates hat sich, scheint es, ironice verheiratet, eigens um gerade diesen Satz zu demonstrieren. (Friedrich Nietzsche)

Man läuft schnell Gefahr, sich in dümmlichen Verallgemeinerungen zu verlieren, wenn man sich die Frage stellt: was hat es mit dem Verheiratetsein und der Philosophie auf sich? Worin könnte der Konflikt bestehen? der Widerspruch? Es wird recht schnell zum Jonglieren mit Klischees. Beispielsweise kümmert man sich bei der Fragestellung kaum um den Gedanken, ob die Ehe einer Philosophin für ihre Philosophie dasselbe bedeutet wie für einen Philosophen? Sind auf der einen Seite Triebstrukturen (um diese muss es sich doch wohl handeln, wenn es um „asketische Ideale“ geht) und auf der anderen Seite Erkenntnisstrukturen geschlechtsunabhängig? Ist es dasselbe, wenn Männer oder Frauen philosophieren? Wenn Nietzsche über die Sinnlichkeit nachdenkt, darüber ob und wie sie der Erkenntnis förderlich oder hinderlich sein könnte, dann ist „Sinnlichkeit“ aus der Perspektive des Mannes gedacht und steht im Kontext seines Begehrens.

Die Frau als Philosophin kommt im Gedankenexperiment gar nicht vor. Aber das Labor dieses Experimentes ist nicht geschlechtsneutral. Zwei Impulse tauchen auf: der erste Impuls will neutralisieren, gleichmachen und in der hergestellten Gleichheit die Gerechtigkeit verankern. Wenn alle Menschen gleich sind, sind auch Frauen und Männer gleich und Erkenntnis existiert unabhängig von Geschlecht und sozialem Stand und kann von allen Menschen auf die gleiche Weise erlangt werden. Und um diese Gerechtigkeit herzustellen, werden offensichtliche Unterschiede als oberflächlich und akzidentell angesehen und durch eine Argumentation, die sich auf das Gemeinsame konzentriert, Stück für Stück durch Gleichmachung eliminiert.

Man könnte natürlich auch statt Gleichheit Gleichberechtigung betrachten und auf die Gleichberechtigung zustreben. Männer und Frauen mögen unterschiedlich sein und auch ihre Unterschiede kultivieren. Bei aller Unterschiedlichkeit aber haben sie davon völlig unberührt die gleichen Rechte. Eine Frau hat ebenso dieselben Rechte, Philosophieprofessorin zu werden wie ein Mann, mag ihre Philosophie noch so unterschiedlich und ihre Gedankenwelt gänzlich anders strukturiert sein als die eines Mannes. Und die gleichen Rechte schließen die Chancengleichheit und das Recht darauf ebenso ein.

Der zweite Impuls geht von Ludwig Wittgenstein aus: Wir müssen nicht in Abstraktionen Unterschiede verwischen und aus der Vogelperspektive nur noch Parzellen analysieren, wir müssen vielmehr Unterschiede sehen lernen. Das stärkt unser analytisches Vermögen. Erst wenn wir Unterschiede sehen lernen, ohne sie einzuebnen, können wir auch Gemeinsamkeiten besser einschätzen. Unterschiede zu benennen und hervorzuheben soll aber in analytischer Absicht geschehen und nicht in diskriminierender und entrechtender! Und gesetzt den Fall, Frauen wollten dichtend, tanzend, malend und singend philosophieren und nicht in tradierter Begrifflichkeit, hätte niemand die Definitionsmacht zu sagen: Das ist keine Philosophie! Die Tätigen entscheiden selbst, wie sie ihre Tätigkeit begreifen möchten.

Hier tut sich die universitäre Philosophie schwer, sie nennt ihren Fußnotenfetischismus und ihre Editionskunst alter Autoritäten Philosophie und lässt daneben kaum etwas anderes mehr zu. Der Duktus ist der unterkühlter Rationalität, worunter Zweifel, Ängste, Anerkennungsdruck, Ehrgeiz, Orientierungslosigkeit, Schreibblockaden brodeln und ein freies Philosophieren verunmöglichen. Und nach wie vor ist die Philosophie eine Männerdomäne. Wenn Frauen es hier zu etwas bringen wollen, müssen sie denselben Duktus und Habitus an den Tag legen wie es die Männerriege der Philosophen verlangt und dabei deutlich noch leistungsbetonter sein als ihre männlichen Kollegen. Vielleicht mag es hier und da auch andere Mittel und Wege für Philosophinnen bis zur Promotion geben. Aber sie erschöpfen sich mit dem Erwerb des Doktortitels.

Universitäre Philosophie ist im Wesentlichen Philosophiegeschichte und Editionswissenschaft. Als Administration des Wissens hat sie die Liebe zur Weisheit erdrosselt und bringt keine Autorinnen und Autoren hervor, die Perspektiven sehen oder entwickeln könnten. Auch einen Blick auf gesellschaftliche und politische Praxis vermag sie nicht zu richten; sie ist in einer bedeutungsvollen Geste mumifiziert.

Doch Philosophen wie Nietzsche oder Wittgenstein waren von dieser Geste weit entfernt. Beide wollten auch nicht die Geschichte ihres Faches erzählen, sondern hatten ein lebendiges Anliegen, das sie leidenschaftlich mit ihren Mitteln verfolgten. Sie genau darin sich zum Vorbild zu nehmen, macht einen philosophierenden Autor heute sicherlich zum Außenseiter. Ein Außenseiterdasein bürgt keinesfalls für Qualität oder gar Genialität und ist doch eine Rolle, die mir gefällt, wenngleich ich sagen muss, dass ich mein Anliegen lange gesucht und nicht gefunden habe.

Was in mir wollte zur Kunst? -um einmal Nietzsches Frage abzuwandeln, was in uns denn zur Wahrheit wolle. Die Suche nach dem Band, was die Welt im Innersten zusammenhält? Ich stellte mir die Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Wahrheit?  Oder stellte sich die Frage mir? Es war für mich jedenfalls mehr als nur ein theoretisches Problem.

Obwohl ich mich seit meinem 15. Lebensjahr zur Schriftstellerei und Philosophie hingezogen fühle und mich damit beschäftige und nie einen anderen Berufswunsch hegte als Schriftsteller zu werden, konnte ich nie zielbewusst und konsequent auf mein Ziel zusteuern und meinen Wunsch realisieren. Wenn ich einmal dem Irrtum erliegen darf, dass es eine vom Subjekt unabhängige Objektivität gibt, dann würde ich sagen: es gab keine objektiven Gründe, die gegen die Verwirklichung meines Wunsches und Zieles sprachen oder entgegenwirkten. Niemand hinderte mich daran, den Weg einzuschlagen, den ich einschlagen wollte. Nicht einmal eines Anliegens hätte es bedurft, um „Schriftsteller zu werden“, einen Roman nach dem anderen zu schreiben. Und dennoch hielt mich etwas in mir und um mich davon ab.

Heute würde ich es den Willen zur Revolution nennen. Denn hinter den Fassaden der Normalität tobt ein bestialischer Kampf der Ausbeutung, Versklavung und Ermordung von Menschen. Wenn es genügend weit weg ist, scheint das in unserer Gesellschaft niemanden zu stören. Die geographische Distanz wird zur moralischen: Was kann ich schon dafür, wenn für meinen Einkauf andere Menschen in anderen Ländern bluten und sterben müssen? Andererseits verbirgt auch die Normalität der Revolution Mörderisches, dem ich nicht auf den Leim gehen will. Und zugleich gilt es, nicht zu erlahmen.

Von der “Zerfahrenheit” zur Romantik der Intermedialität

Eine bange Frage schwirrt in meinem Kopf herum, ist plötzlich aufgetaucht wie eine lästige Fliege. Woher kommt sie? Wie hat sie bloß in meinen Kopf gefunden? Und wie kann ich sie nur erwischen? Welches Manuskript werde ich zusammengerollt als eine Fliegenklatsche benutzen?

Bahnt sich womöglich ein Paradigmenwechsel in meinem Kopf an? -Einer, den ich 1. nicht bewusst steuern kann und der 2. nicht die Radikalität des Bruchs mit dem vergangenen Paradigma hat? Vielleicht habe ich einfach zu viel Kuhn gelesen, zu viel von den Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen als eine liebe Metapher in mein Schreiben projiziert. Schreiben – ein linearer Prozess. Ich ein chaotisches Subjekt!

Ach, ich sollte nicht übertreiben! Ich – also ein Subjekt, das etwas durcheinander ist, es schwer hat mit der Ordnung der Dinge und Ordnung der Gedanken, mit der Unterordnung in von ihm abverlangte Disziplin, um ein Ziel zu erreichen, ein Ziel der gesellschaftlichen Anerkennung, der Diplomierung und damit der offiziellen Genehmigung, Dinge zu tun, die einem Philosophen zustehen. Einem Baccalaureus, einem Magister oder Doktor gar.

Die Logik ist eine einfache: wer staatlich geprüft und genehmigt das Recht zur Rede hat, darf, ja muss ernst genommen werden. Das Publikum schaut nicht, was jemand spricht, sondern WER spricht? Hat er die offizielle Genehmigung dazu, hat er auch mit geprüfter Sicherheit die Befähigung.

Aber war es nicht gerade ein Kind und nicht einer aus dem affektierten Hofstaat, der an des Kaisers neuen Kleidern feststellte, dass der Kaiser nackt sei? Mein Mißtrauen dem Hofstaat gegenüber wuchs und wuchs und nahm methodische Züge an. Die Studienordnungen, die standardisierten Referate, die glorifizierten Fußnoten, all das Blendwerk der Wissenschaftlichkeit – wiesen sie nicht alle in Richtung eines Scheinstudiums? Und dann all die schnell aus dem Hut gezauberten Updates der alten Geisteswissenschaften: Kultur-, Medien-, Management – in zwei bis drei Jahren zum fertigen Beruf, endlich die Antwort zu der Frage: «Germanistik und Philosophie auf Magister? Was willst du mal damit machen?» «Ich will es mir mal als Hut aufsetzen mit einer Pfauenfeder obendrauf!»

Fieser konnte eine Gesellschaft ihre Intellektfeindlichkeit, ihre radikale Abneigung gegen kritisches Denken und gegen Nachwuchsdenker nicht zum Ausdruck bringen. Denker sind nicht beliebt: im Kaiserreich nicht, im tausendjährigen Reich nicht und in der Bundesrepublik auch nicht! Sofort hat man einen Dutschke im Kopf, den man nur mit dem Schuss in den Kopf eines Bild-Zeitung-Lesers stoppen konnte, einen linken Krawallmacher, der nicht ordentlich studierte, sondern die Universität als ein Erholungs- und Ausbildungszentrum für Umstürzler und Unruhestifter betrachtete.

Ein ordentliches Studium, ja, das würde zu einem Beruf führen, zu einem Kulturmanager, zu Lohn und Brot mit Hilfe einer strikt einzuhaltenden Studienordnung mit Creditpoints. Nur so gehört man zum Hofstaat, der das Bestehende für gut und rechtens zu erkennen vermag! Alles andere ist pure Anarchie. Und ich konnte miterleben, wie all jene Professoren allmählich verstummten, die ihre Studentinnen und Studenten zum Forschen, Grübeln, Hinterfragen animierten und ihnen Zeit gewährten – Zeit?! Müßiggang, das weiß doch jeder, ist aller Laster anfang; die Geburtsstunde der Dutschkes, die in der Badewanne durch einen epileptischen Anfall ertränkt gehören, wenn der Schuss in den Kopf, in diesen wirren schon nicht gereicht hat!

Freie Fahrt für freie Liberale, statt für freie Radikale! Nur so lassen sich Millionen und Millarden scheffeln. Und hinfort mit den wirren Subjekten, die sich an keine Studienordnung klammern wollen und statt dessen sich in die Labyrinthe ganz wirrer Gedankengänge begeben.

Und was passiert mit mir? Schon auf dem Gymnasium auf den deutschen Idealismus getrimmt und mit protestantisch anmutender Moral und mit Verantwortungsbewusstsein für “die” Gesellschaft ausgestattet in die Welt entlassen, landete ich, weil ich für bare Münze hielt, wovon sich jeder Humboldtianer zum Berufserwerb rechtzeitig zu trennen verstand, Studiengangwechsel mit Anerkennung der Scheine von Magister auf Staatsexamen und ab ins Referendariat, in der Zerfahrenheit. Ich irre durch die Gänge eines Labyrinths, das sich permanent verschiebt.

Die lineare, dramaturgisch in sich abgeschlossene Erzählweise, die einen Anfang und ein Ende kennt, in der einzelne Geschichten stehen, funktionierte nicht – nicht für das ins Chaos entlassene Subjekt. Irrend und verirrt.

Mit der technischen Möglichkeit des Hypertextes entdeckte ich die Möglichkeit des Hypertextromans und nannte sie «Zerfahrenheit». Und als ich über die Poetik und Ästhetik dessen nachdachte, stieß ich auf – kann doch nicht wahr sein! – stieß ich auf Schopenhauer! Ein Wille, der mich leitet, der nicht meiner und doch mir zueigen ist!

«Ein System von Gedanken muß allemal einen architektonischen Zusammenhang haben, d. h. einen solchen, in welchem immer ein Theil den andern trägt, nicht aber dieser auch jenen, der Grundstein endlich alle, ohne von ihnen getragen zu werden, der Gipfel getragen wird, ohne zu tragen. Hingegen ein einziger Gedanke muß, so umfassend er auch seyn mag, die vollkommenste Einheit bewahren. Läßt er dennoch, zum Behuf seiner Mittheilung, sich in Theile zerlegen; so muß doch wieder der Zusammenhang dieser Theile ein organischer, d. h. ein solcher seyn, wo jeder Theil ebenso sehr das Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten wird, keiner der erste und keiner der letzte ist, der ganze Gedanke durch jeden Theil an Deutlichkeit gewinnt und auch der kleinste Theil nicht völlig verstanden werden kann, ohne daß schon das Ganze vorher verstanden sei. – Ein Buch muß inzwischen eine erste und eine letzte Zeile haben und wird insofern einem Organismus allemal sehr unähnlich bleiben, so sehr diesem ähnlich auch immer sein Inhalt seyn mag: folglich werden Form und Stoff hier im Widerspruch stehen.»
[http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-als-wille-und-vorstellung-band-i-7134/2]

Eine Monadologie des Rhizoms?

Was in mir wollte zur Wahrheit? Verlor ich an die Romantik meinen Verstand? Doch die Poetik des Hypertextromans birgt sehr viel, ja vielleicht sogar zu viel Chaos in sich, um einen tanzenden Stern zu gebären. Und nun steh ich da, ich armer Tor, und es reicht nicht einmal zum Armleuchter 😦

Denn man weiß nicht, an welchem Strang man zuerst schreiben und an welchem man weiterschreiben und welchen man zu Ende schreiben und ihn mit anderen verknüpfen soll. Welchen Erzählfaden soll man an welchen Rhizomknotenpunkt anknüpfen? Es kann produktiv sein, wenn die innere Dynamik des Labyrinths akzeptiert und die innere Dynamik der Produktion zum Treiben im Fluss der Dinge wird. Diese Dinge können aber auch so unglücklich aufeinander prallen, dass die poetische Vernunft den Produktionsfaden verliert, das Ruder ihr aus der Hand gleitet und man gar nicht mehr weiß, an welcher Teilgeschichte man weiterarbeiten soll.

Dieses Problem brachte die «Zerfahrenheit» zum Erlahmen. Nach dem «Auftrag» und «Brachland» entstand kein weiterer Knotenpunkt mehr. Chronologisch bildete zwar der Labyrinth-Roman den Anfang; da aber ein Rhizom nicht linear ist, steht der Labyrinth-Roman auch nicht am Anfang der «Zerfahrenheit», die wie ein Rhizom gar keinen Anfang hat.

Was sich nun einschleicht und die Dinge in einen ruhigen geraden Flusslauf bringt, ist die Linearität eines Fortsetzungsromans, der bei allen Wirren allmählich die «Zerfahrenheit» begradigt. Besorgniserregend!!!

Die Romantik der Intermedialität

Ich erfreue mich an der neuen Universalität: Schrift, Theater, Film, Hörspiel – die Werke und Gedanken fließen in der Digitalität ineinander. Dabei wird eines immer deutlicher: ein Konzept der Kunst ist rationalistisch, ein anderes intuitionalistisch. Ersteres beginnt im Kopf mit dem Plan, mit einem Skript, mit einer technischen Zeichnung – quasi! Ohne Plan kein Kunstwerk! In der Musik liegen die Noten vor: es gibt eine Partitur. Davon ausgehend können die Rollen verteilt werden, alle Instrumentalisten bekommen ihre Noten. Jeder weiß, wann er was zu spielen hat – auf die Sekunde genau. Die Musik entsteht im Kopf, vielleicht unter Zuhilfenahme eines Klaviers oder einer Gitarre. Sie ist das Gebäude von Tönen und Takten entstanden nach der planvollen Architektur in all ihrer vernünftigen Reinheit und Perfektion, die Kunst wird geboren aus der planerischen Phantasie und wird umgesetzt durch die Exaktheit in der Unterwerfung unter die Rationalität des Plans und vor allem aber des Planers: weshalb, wieso, warum? Die Antworten sind durchdacht, Kunst ist, weil sich der Künstler, Schöpfer (=Gott des Werks) etwas dabei gedacht hat.

Dieses „dabei“ aber ist nicht wörtlich zu nehmen. Es meint nicht die Koinzidenz in der Sekunde der Kreation und Realisation. Der Realisation ist ein Plan vorausgegangen, das Walten einer konzeptionellen Vernunft. Sie stellt den Sinngehalt der Kunst her. Und ihre Erkennbarkeit bei der Rezeption und ihre Exegese durch die Interpretation liefern den Wert des Kunstwerks, was vor jeder Interpretation als interpretationswürdiges Kunstwerk befunden wird. Was nicht als interpretationswürdig befunden wird, wird als Quatsch abgetan.

Das ist traditionell und bekannt. Darauf basieren Hermeneutik (was ja schon im Namen den religiösen Touch mit sich trägt) und die Kunst der Interpretation. Und besonders rationalistisch ist, wenn wir an die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik denken, neben der Musik eben das Theater. Wir denken nun nicht an Gaukler, Jahrmärkte, Moritatensänger, Straßenmusik, an die Unterhaltung des Pöbels. Wir sind in Gedanken bei Kammerkonzerten, in Philharmonien, hören Symphonien oder lauschen in von Fürsten errichteten Nationaltheatern  den Worten von tragischen, komischen Dramen, von bürgerlichen Schauspielen in diversen Varianten. Wir sind nicht beim Film, der als Jahrmarktsattraktion begann und sich zu Hollywood verlustierte. Wir sind nicht bei der Kulturindustrie, die irgendwann auch einen Kunstanspruch formulierte und mit Nouvelle Vague oder dem deutschen Autorenfilm sich entindustrialisierte und individuelle künstlerische Wege suchte.

Schon der Wikipedia-Artikel über Nouvelle Vague liefert wichtige Stichpunkte:

1954 veröffentlichte François Truffaut den Artikel Eine gewisse Tendenz im französischen Film (Une certaine tendance du cinéma français). Dieser Text gilt als erste eigene theoretische Grundlage der Nouvelle Vague und wendet sich vor allem gegen jene Drehbuchschreiber, die uninspiriert Romanvorlagen adaptieren, ohne selbst einen Bezug zum Kino zu haben. Die Forderung: “Männer des Kinos” sollten Kino machen und sich nicht von Schriftstellern vorschreiben lassen, was verfilmbar ist und was nicht.

Von uninspirierten Drehbuchschreibern ist die Rede und von Schriftstellern, die anderen Vorschriften machen. Noch heute kann man kaum den Reflex in sich unterdrücken, den Film nach der Romanvorlage zu beurteilen, obwohl sich etliche Spielarten der Genese eines Films entwickelt haben. Ein Medienwechsel bedeutet auch den Wechsel der Beurteilungskriterien. Einen Roman mit einem Film zu vergleichen, bedeutet Inkommensurabilitäten über einen Kamm zu scheren.

Truffauts Manifest aber weist auf eine Möglichkeit, mit dem neuen Medium „Film“, neue Dinge zu sehen, zu thematisieren, zu zeigen. Film ist eine neue Sprache und damit kann man auch über neue Dinge sprechen oder bisher Unaussprechbares neu zu Sprache bringen.

Liest man Umberto Ecos Gedanken zu Casablanca, so sticht nicht zuletzt die Information ins Auge, dass dieser Klassiker quasi ohne Drehbuch entstanden ist, ohne eine zuvor rational verfasste, gut durchdachte und geplante Handlung, die vorgeschrieben wurde und deren Dramaturgie keinen anderen Handlungsverlauf zugelassen hätte. Das Wort Improvisation drängt sich da einem schon fast auf.

Wir sind beim heiligen Theater: da haben hoch angesehene Dichter der Klassik, der Aufklärung oder des Sturm und Drang in schriftstellernder Weise ihre Dramentexte vorverfasst, sie haben die Handlung vorgeschrieben, den dramatischen Spannungsbogen in ihrem Kopf genau vorgezeichnet, in Regieanweisungen haben sie in Paranthese die wichtigsten Gesten vorweggenommen. Sie haben das Spiel des Zufalls in ihrem Schriftstellerlabor im Keim erstickt – sie haben dem Chaos den Logos entgegengesetzt. Wer aber hat sie inthronisiert? Goethe wurde nicht Goethe, weil er Faust schrieb, sondern Faust wurde Faust, weil Goethe es schrieb. Die Geschichte und das Motiv des Johann Georg Faust und des Teufelspaktes gab es auch schon Jahrhunderte vor Goethe.

In großer Dankbarkeit setzt sich die Maschinerie der Inszenierung in Gang und entwickelt als großartiger Apparat ein Theater, das uninspirierter und lebloser nicht sein kann, dafür aber Abend für Abend nach der Premiere immergleich wie geklonte Schafe das reproduzierte „Spiel“ abspult. Und wenn man sich beispielsweise die Mülheimer Theatertage „Stücke“ anschaut, gewinnen nicht die Schauspielgruppen den Preis, sondern, wie es sich gehört: die Dramatiker der Gegenwart. Warum aber liest man die Stücke dann nicht einfach und vergibt nach der literarischen Qualität die Preise? Wozu die Bühnenperformanz, die dann nicht wirklich gewürdigt wird, als habe der Dramatiker höchstpersönlich das Stück inszeniert und gespielt?

Für mich ist Schreiben Literatur, das Spielen aber etwas ganz anderes. Das rationalistische Regime des Textes muss unbedingt durchbrochen werden. Der Text muss sich als gesprochene lebendige Sprache als Aktion in die Situation einfügen und die Situation muss sich in ihrer lebendigen dynamischen Individualität der Mechanik des Plans entziehen. Das Theater ist ein Spiel wie ein Sportereignis vergleichbar dem Fußballspiel. Regeln, Positionen, Spielstrategie, Ziel stehen fest. Das Handeln der Personen aber muss zur Erfüllung des Spiels frei sein. Ein Stürmer, der nur am Mund des Trainers klebt und auf dessen Anweisungen wartet, wird seine Funktion nicht erfüllen können.

Dies ist das andere Konzept von Kunst: die Realisation folgt der Inspiration durch Intuition. Diese Intuition ist keineswegs etwas Mystisches oder Dunkles, wie es Rationalisten gerne darstellen. Sie entwickelt sich durch Handeln und Reflektieren und wieder Handeln und wieder Reflektieren – es ist ein dialektisches Wechselspiel von Handeln und Analyse und Handeln. Wie auch die Abläufe eines Fußballspiels einer Videoanalyse unterzogen werden können, der Reflektion und der strategischen Planung bedürfen und sich doch im Detail nicht so wiederholen wie die Strategie es vorschreibt. Es gibt kein Drehbuch des Spiels, was das Spiel zu einer Marionette macht. Ein Gerüst existiert, Standardsituationen, strategische Prinzipien, verteilte Aufgaben, Rollen, Positionen sind gegeben und doch entwickelt sich das Spiel jedes Mal anders. So werden sich die Spiele zwar familienähnlich sein, aber doch wird jedes Spiel auch ein Individuum sein und seine Einmaligkeit behalten.

Jazz-Improvisationen folgen dieser Idee und ebenso das postdramatische Theater, das der Grundstrukturierung durch eine Handlung, die vorgeschrieben ist, enthoben ist. Es verhält sich zum dramatischen Theater wie ein Gedicht zu einem Roman. Postdramatik ist Lyrik auf der Bühne, was man durchaus doppeldeutig verstehen kann: a) „Lyrik auf der Bühne“ ist metaphorisch gemeint; es entsteht auf der Bühne ein Reigen von Symbolen, Bildern, Metaphern, Stimmungen ohne eine erzählbare Handlung, ohne Geschichte; b) in der Postdramatik werden Gedichte inszeniert, Lyrik rezitiert, wobei a) und b) wunderbar ineinander greifen und ineinander fließen können.

Und kein Spiel wird exakt dem anderen gleichen, es wird nicht geklont sein, nicht reproduziert werden können anhand eines Textes, einer Partitur, worauf das Spiel zurückgeht. Das Geschehen auf der Bühne ist intuitiv, kommt aus dem Körpergedächtnis und hat seine Inspiration nicht aus der selbstgefälligen und auf sich selbst bezognenen Vernunft und ihrer rationalen Planung, sondern aus dem Inneren der Situation. Hier bekommt das „Spiel“ eine andere Bedeutung. Es ist keine Darstellung einer Rolle, keine Mimesis eines Charakters, sondern die Veräußerlichung der zunächst verinnerlichten Funktionen einer Figur, die im Laufe des Geschehens individuell agiert: wie Schachfiguren, die zwar festgelegte Bewegungsmöglichkeiten haben, dennoch aber durch die Züge jeweils ein einzigartiges Spiel entstehen lassen. Das Nachspielen von bestimmten berühmten Spielen hat etwas Mechanisches, was dem Schachspiel eigentlich nicht wesentlich ist.

Schnell gerät allerdings das intuitionalistische Spiel in den Verdacht, sinnlos zu sein. Der planende und Sinn verleihende Geist scheint sich verabschiedet zu haben. Was bleibt ist sinnloses Chaos. Denn im Unterschied zu den herangezogenen Beispielen wie Fußball- und Schachspiel ist das Ziel des ästhetischen Spiels nicht klar definiert: es treten nicht zwei Gegner an, es gibt keine Kriterien des Erfolgs über den anderen; man weiß nicht, wer wann warum gewonnen haben sollte. In der Tat ist das der Punkt, an dem die Beispiele nicht überstrapaziert werden sollten. Denn das intuitionalistische Konzept der Kunst trägt seinen Sinn in sich selbst. Ach, dann kann es ja nie misslingen, könnte man meinen! Aber wer sich in die Organik einer Produktion einlebt, wird auch die Fehlfunktionen erspüren und rational versprachlichen können. Auch wenn jeder Mensch individuell ist, können wir doch empathisch sein Wohlbefinden erkennen und sehen, ob es ihm gut geht, oder ob er kränkelt oder gar krank ist.

Dieser rezeptiven Empathie werfen wir Steine in den Weg, wenn wir als Beurteilungskriterium der Kunst die Hermeneutik des rationalistischen Konzepts heranziehen. Der Sinn ist nicht der rationalen Intention unterworfen, sondern entsteht im Spiel während des Spiels und während der Rezeption des Spiels. Das Publikum ist kein Konsument einer Botschaft oder einer Moral, sondern Mitproduzent des Sinns im organischen Spiel aller Kräfte. In der Postdramatik verliert die Kunst ein Stückchen Metaphysik.

So schreibe ich einen Roman SOKRATES, der auf die Einwürfe des Publikums reagiert und Menschen aus dem Publikum literarisiert, zugleich schreibe ich Texte für postdramatische Spiele, die einen Grundtenor, ein Motiv und Sprechelemente erzeugen, ohne das Spiel planerisch vorwegzunehmen, so entstehen Audioaufnahmen, die mit Video- und Fotoaufnahmen zu Youtube-Filmen weitergestaltet werden, ohne dass ein Drehbuch das Produkt vorschreibt; während wir also auf der Bühne spielen, Texte rezitieren, Stimmungen erzeugen und Videoaufnahmen machen, können wir noch nicht sagen, wie der Film am Ende sein wird; ebensowenig wie ich beim Schreiben der Texte schon weiß, wie sie tatsächlich szenisch verwendet werden, wobei eben zu betonen ist, dass ich hier von „verwenden“ und nicht „umsetzen“ spreche. Denn es geht nicht darum, Texte auf Bühne und Film umzusetzen. Und umgekehrt wird der Fortsetzungsroman nicht einfach nur die Filme oder das Bühnengeschehen nacherzählen. Klar aber ist, dass die Dinge ineinander fließen – das ist die Romantik der Intermedialität.

SOKRATES -Der kafkASKe Fortsetzungsroman

Während die 182. Folge des Romans geschrieben wird, kann Folge 181 schon veröffentlicht werden. Er ist wie immer auf meinem ask-Profil zu finden. Nach der 200. Folge wird der 2. Band als Buch vorbereitet und herausgegeben.

Gestern verglich ein Kollege den Roman mit der “Lindenstraße”. Was die theoretische oder konzeptionelle Unendlichkeit anbelangt mag das schon richtig sein. Aber inhaltlich und stilistisch geht der Roman gänzlich andere, surreale Wege. Natürlich ist auch die Familienähnlichkeit zu Kafka vorhanden. Manche werden sagen: eine sehr weit entfernte Familienähnlichkeit. Der Roman fängt jedenfalls mit der Verhaftung des Helden bzw. der Hauptfigur an.

Es gibt ein Bild von einer Sokrates-Büste, der die Nase fehlt. Inspiriert davon wird meiner Hauptfigur bei der Verhaftung die Nase gebrochen:

Er stand unter der Dusche, als er verhaftet wurde. Er ließ sich nicht großartig stören; aber es war schon verwunderlich, dass jemand plötzlich in sein Badezimmer kam. Kurz erschrak er, hatte aber Seife auf dem Kopf und in den Augen, die er für einen Moment zu weit aufriss, wie sonst immer seine Klappe. Er lugte hinter dem Duschvorhang hervor; den Satz, dass er verhaftet sei, von einer sehr angenehmen Frauenstimme noch im Ohr, fragte er: «Wie sind Sie überhaupt in meine Wohnung gekommen?»

Die Frau machte keinerlei Anstalten, sich wegzudrehen oder das Bad zu verlassen. Statt dessen hielt sie stolz eine Scheckkarte in die Luft: «Damit». Ihre Augen, die er jetzt sah, obwohl er es lieber gehabt hätte, wenn sie sich umdrehte, waren mindestens so schön und angenehm wie ihre Stimme. «Ich würde mich jetzt gerne abtrocknen», sagte er. Sie nahm ein Handtuch und reichte es ihm wortlos rüber.

«Sind Sie allein?» fragte er und noch ehe sie antworten konnte, kam eine männliche Stimme drohend aus der Küche: «Nein, ich bin auch da.» Sie sah seine Enttäuschung und musste schmunzeln. Er drehte ihr den Rücken zu, um sich wenigstens halbwegs geschützt abtrocknen zu können. Schließlich band er sich hilflos und umständlich das Handtuch um die Hüften. «Verhaftet?» fragte er, «Warum das denn?» Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er an ihr vorbei ins Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer. Er hatte eine kleine Wohnung, bestehend aus diesem besagten Raum, dem Bad und der Küche.

Aus der Küche kam ein bulliger Kerl etwa 50 Jahre mit einem Bierbauch und einer offen getragenen Dienstwaffe an der Jeanshose mit einem Marmeladebrot in der Hand. «Hmmm, ich liebe selbstgemachte Marmelade», schmatzte er. «Die haben aber nicht Sie gemacht, oder?» «Doch. Aus Pflaumen aus dem eigenen Garten. Fühlen Sie sich wie zu Hause und bedienen Sie sich. Sind Sie überhaupt Polizisten?» Er hätte besser auf die kräftige und trotz des Bierbauchs stramme Statur des Bullen achten sollen. Jetzt war es zu spät. Er ließ das Brot im Mund schmatzend verschwinden und plötzlich sauste ein Fausthieb auf die Nase des Frischgeduschten.

Damit beginnt der Romanreigen und keineswegs geht es dabei nur um diese nun verhaftete Figur mit der gebrochenen Nase. Neben einem magisch-realistischen Handlungsstrang, gibt es natürlich den Dschungel der Behörden und einen magisch-phantastischen Wald. Ein seltsamer junger Mann, der sich weigert, erwachsen zu werden (die Assoziationen zur “Blechtrommel” sind nicht gerechtfertigt!), wandelt zwischen den Welten und den Träumen der Menschen. Er heißt Basti und hat eine Eigenschaft, von der ich mich allen Ernstes frage, ob sie nicht alle Menschen haben, auch wenn sie als Fähigkeit niemand einzusetzen versteht. Basti kann in den Träumen seiner Mitmenschen erscheinen.